{"id":1027,"date":"2015-07-31T00:55:12","date_gmt":"2015-07-30T22:55:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=1027"},"modified":"2016-05-18T11:00:30","modified_gmt":"2016-05-18T09:00:30","slug":"von-anfang-an","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=1027","title":{"rendered":"Von Anfang an"},"content":{"rendered":"<p><b><span style=\"color: #ee0a21;\">Vor langer Zeit bezog ein Oldenburger Kaufmann notgedrungen Quartier in einem Andendorf. Noch immer erz\u00e4hlen sich seine Bewohner Geschichten \u00fcber das sagenhafte Oldenburg, von dem ihnen monatelang berichtet wurde.<\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Ein Oldenburger also, und das mitten in S\u00fcdamerika.<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Nennen wir ihn etwa Enno G\u00f6decke, lassen ihn um 1840 in Oldenburg geboren sein, Kaufmann, Kavalier und Abenteurer, der sich und seinen Textilhandel nach Lima, Peru verlegt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Wenn es den G\u00f6decke doch blo\u00df gegeben h\u00e4tte, jenen Schlawiner, Schlaumeier, jenen Galgenstrick und Schlot, aber wie sagt der Franzose &#8211;\u00a0 <\/span><i>tant pis<\/i><span style=\"color: #000000;\">! Dann muss man ihn sich eben selber erfinden, sei\u2019s drum<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Der Pazifik, das ist etwas anderes als der Jadebusen!<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Und die Anden, die sind etwas anderes als der Harz, soviel steht fest.<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Se\u00f1or G\u00f6decke jedenfalls, kaum installiert und etabliert in der <\/span><i>Stadt der K\u00f6nige<\/i><span style=\"color: #000000;\">, vernimmt den Ruf der Berge und ihrer Sch\u00e4tze. Rasch kauft er ein paar Esel, ein Zelt, K\u00fcchenutensilien und eine rollbare Rosshaarmatratze. Mit einigen Eseltreibern macht er sich auf den Weg gen Sierra.<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Unterwegs folgt er dem Ratschlag seiner compa\u00f1eros und ersteht f\u00fcr seine indianischen Gastgeber in spe einen Sack voller Kokabl\u00e4tter.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Dann also das altiplano, das Hochplateau. G\u00f6decke bedenkt den S\u00fcdwinter nicht und kaum, dass er mit M\u00fche Huaquepata, ein entlegenes Indianerdorf erreicht, schneit es ein, und f\u00fcr den G\u00f6decke geht es weder weiter noch zur\u00fcck.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Gl\u00fcck f\u00fcr ihn, dass sich die Bewohner von Huaquepata durch einen wachen Verstand und regen Gesch\u00e4ftssinn auszeichnen. Wie sonst h\u00e4tten sie es seit Jahrhunderten auf dem Hochplateau ausgehalten; Generation um Generation gro\u00dfgezogen, trotz aller Widrigkeiten und aller Unbill, die 4000 Meter \u00fcber dem Meer mit sich bringen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Jedenfalls &#8211; wie er da sitzt, besagter G\u00f6decke in seinem gottverlassenen Andendorf und wie er merkt, dass ihm die Kokabl\u00e4tter ausgehen und die Freundlichkeit der Gastgeber im selben Ma\u00dfe abnimmt wie die Zahl der Bl\u00e4tter in seinem Beutel, da erinnert er sich pl\u00f6tzlich an eine seiner Kindheitslekt\u00fcren: Scheherazade. Mit ihren Geschichten hielt sie den ungn\u00e4digen K\u00f6nig immerhin tausendundeine Nacht lang bei Laune, und so denkt sich G\u00f6decke: Was f\u00fcr einen K\u00f6nig recht und billig ist, soll f\u00fcr die D\u00f6rfler von Huaquepata gerade gut genug sein.<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Am Abend dann die fragenden Blicke und wieder die H\u00e4nde, die sich fordernd in seine Richtung strecken.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Kokabl\u00e4tter, knarzt der Dorf\u00e4lteste. Das ist die Tradition.<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Aha, denkt sich G\u00f6decke, jetzt, G\u00f6decke! &#8211; und sagt dem werten Herrn, dass er heute Abend etwas Besseres als Kokabl\u00e4tter f\u00fcr ihn h\u00e4tte. Heute Abend, sagt G\u00f6decke, gebe es etwas, das viel st\u00e4rker sei und den Geist in viel erheblicherem Ma\u00dfe beneble, umgarne und verwirre.<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Heute Abend, so G\u00f6decke, erz\u00e4hle er eine Geschichte. Ob man an diesem Orte hier, Huaquepata, jemals von Oldenburg geh\u00f6rt habe? Irgendwer? Nein?<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Nun gut.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das Klima, also, halte man in Huaquepata f\u00fcr harsch und lebensfeindlich?<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Im Vergleich zum Klima in Oldenburg sei das noch gar nichts.<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Und man selber halte sich wohl f\u00fcr besonders z\u00e4h und ausdauernd?<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Da habe man wohl noch keine Oldenburger kennengelernt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Unsere Esel!, piepst da ein Kind aus dem Hintergrund. Unsere Esel sind die schlausten weit und breit!<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #000000;\">Das glaube er gern, sagt G\u00f6decke. In Oldenburg aber w\u00e4ren die Esel so schlau, dass es einer von ihnen sogar einmal bis zum B\u00fcrgermeister gebracht habe. Aber von Anfang an.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor langer Zeit bezog ein Oldenburger Kaufmann notgedrungen Quartier in einem Andendorf. Noch immer erz\u00e4hlen sich seine Bewohner Geschichten \u00fcber das sagenhafte Oldenburg, von dem ihnen monatelang berichtet wurde. Ein Oldenburger also, und das mitten in S\u00fcdamerika. 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