{"id":1280,"date":"2016-09-26T11:11:42","date_gmt":"2016-09-26T09:11:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=1280"},"modified":"2017-03-21T13:59:44","modified_gmt":"2017-03-21T11:59:44","slug":"1-warten-auf-die-erftenmoder-oder-wie-eine-auszog-virtuelle-stadtschreiberin-oldenburgs-zu-werden-und-das-fuerchten-lernte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=1280","title":{"rendered":"1. Warten auf die Erftenmoder <br>Oder: Wie eine auszog, virtuelle Stadtschreiberin Oldenburgs zu werden, und das F\u00fcrchten lernte."},"content":{"rendered":"<p>Ich will mir hier nichts ausdenken, ich will es genau so erz\u00e4hlen, wie es sich zugetragen hat. Und wenn man ordentlich erz\u00e4hlen will, wie etwas gewesen ist, f\u00e4ngt man am besten am Anfang an.<\/p>\n<p>Der Anfang ist aber recht langweilig, das will ich gar nicht verschweigen. Am Anfang bin blo\u00df ich, wie ich an meinem Tisch in der K\u00fcche sitze und gerade gefr\u00fchst\u00fcckt habe und nun sehr lange sehr still sitze und mir den Kopf zerbreche. Ich m\u00f6chte etwas \u00fcber Oldenburg schreiben, ich m\u00f6chte es und ich soll es auch; es ist mein Auftrag. Ich wei\u00df nicht viel \u00fcber Oldenburg, au\u00dfer dass Oldenburg wie ja \u00fcberhaupt alle Gegenden, D\u00f6rfer, W\u00e4lder und St\u00e4dte ein unheimlicher Ort sein kann. In Oldenburg selbst bin ich erst zwei Mal gewesen und beide Male ist mir nichts Verd\u00e4chtiges aufgefallen, au\u00dfer vielleicht, dass ich mir am Bahnhof extra starken Coffee to go kaufte, von dem ich aber \u00fcberhaupt nicht wach wurde. In diesem Fall unheimliche, ja \u00fcbernat\u00fcrliche Kr\u00e4fte zu vermuten, w\u00e4re aber vermutlich \u00fcbertrieben.<\/p>\n<p>Vor Ort kann ich vorerst nicht ermitteln. Das macht aber nichts, meine abenteuerlichen Erkundungen der Welt finden ja oft eher im Virtuellen statt. Es passt auch ganz gut zu dem Auftrag, den ich erhalten habe. Ich verstehe mich nun selbst als virtuelle Detektivin. Um etwas \u00fcber die unheimlichen Seiten Oldenburgs herauszufinden, werde ich mich als Erstes dem den meisten Oldenburgern vermutlich bekannten Standardwerk \u201eAberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg\u201c von Ludwig Strackerjan widmen. Von E-Books bekomme ich immer Kopfweh, aber es muss ja schnell voran gehen mit meiner Suche, und mit wenigen Klicks habe ich 800 Seiten wertvolle Informationen auf meinen Computer gezaubert. Zaghaft und ganz virtuell beginne ich zu bl\u00e4ttern. Nach was ich suche, wei\u00df ich selbst nicht genau, aber auch das entspricht meinem Wesen und \u00fcberhaupt meiner schriftstellerischen Arbeit. Als Autorin wei\u00df man schlie\u00dflich oft nicht, nach was man eigentlich sucht, und erkennt es blo\u00df ganz \u00fcberrascht, wenn man es gefunden hat.<\/p>\n<p>In diesem Fall werde ich auf Position 398 f\u00fcndig. Hier hei\u00dft es:<\/p>\n<p><em>\u00bbWenn ich dem Knaben sage: \u203aGeh nicht zu nah ans Wasser, die Nixe zieht dich nein\u2039 [sic!] oder die Mutter droht den Kindern: Geht nicht an die Erbsen, die \u203aErftenmoder\u2039 oder: Geht nicht in das Roggenfeld, die \u203aRoggenmoder\u2039 fa\u00dft [sic!] euch, so ist das wiederum Aberglaube, aber wirkt er sch\u00e4digend auf die Erziehung?\u00ab<\/em><br \/>\n<em> (Strackerjan, Ludwig, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. Altm\u00fcnster: Jazzybee Verlag J\u00fcrgen Beck 2012, Position 398.)<\/em><\/p>\n<p>Schon als ich den Satz lese, stellen sich mir die Nackenhaare auf, und darum wei\u00df ich, dass ich eine Spur gefunden habe. Wenn es um das Unheimliche geht, muss man immer und unbedingt auf seine Nackenhaare vertrauen. Sie sind der zuverl\u00e4ssigste Kompass in grauschattigen Zwischenwelten.<\/p>\n<p>Was ist eine Erftenmoder?, frage ich mich mit einigem Unbehagen. Mit meinem bescheidenen linguistischen Knowhow widme ich mich einige z\u00e4he Momente dieser Frage und komme zu dem Schluss: vermutlich eine Art &#8230; Erbsenmutter. Was genau geht vor sich, wenn sie sich die Kinder fa\u00dft? Fassen erinnert wohl nicht ungef\u00e4hr an \u201efressen\u201c, aber warum sollte ausgerechnet die Mutter der Erbsen Kinder fressen wollen? Ein Racheakt wom\u00f6glich? Kinder essen Erbsen ja aber eher ungern. Ein Freund von Erbsen bin auch ich selbst nie gewesen, aber richtig unheimlich sind sie mir nicht. Schnell zeichnet sich ab: Durch freies Assoziieren komme ich hier nicht weiter. Ich muss mehr \u00fcber die Erftenmoder herausfinden. Hierzu gehe ich vor, wie ich es immer tue, wenn ich gewissenhaft an einem neuen Projekt arbeite und etwas in Angriff nehmen muss: Ich mache mir zun\u00e4chst einen Kaffee. Ich trinke meinen Kaffee, ich gehe schnell eine Runde spazieren, weil ich so aufgedreht vom Kaffee bin, ich gehe noch zu Edeka, um neuen Kaffee und Magentee zu kaufen, ich setze mich an den Schreibtisch, google das Wetter der n\u00e4chsten Wochen, schaue mir die neusten Trailer der neusten Horrorfilme an, google was der Schauspieler Daniel Day Lewis in den letzten Jahren gemacht hat, mache mir neuen Kaffee. Nun, da ich das umst\u00e4ndliche Programm der mentalen Vorbereitung durchlaufen habe, setze ich mich wieder an meinen Schreibtisch, betrachtete die Tastatur meines Computers und entdecke Kr\u00fcmel und kleine, merkw\u00fcrdige Flecken. Nachdem ich diese eine Weile mit einem Q-Tip gereinigt habe, bin ich hungrig von der getanen Arbeit des Vormittags und koche mir Nudeln.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag schlie\u00dflich beginne ich mit meiner Recherche und google \u201eErftenmoder\u201c.<\/p>\n<p>Gleich drei Ergebnisse!<\/p>\n<p>Vor Erleichterung ganz aufgedreht beschlie\u00dfe ich, erst einmal eine kleine Pause auf dem Balkon zu machen und ein Eis zu essen. Die Ern\u00fcchterung folgt bei meiner R\u00fcckkehr: Hinter allen drei Ergebnissen verbirgt sich Strackerjan. Mit meinen investigativen F\u00e4higkeiten vorl\u00e4ufig am Ende schaue ich mir Horrorfilmtrailer an, die ich mir schon am Vormittag angesehen habe, wegen ihrer Musik und schnellen Schnitte aber besonders mitrei\u00dfend fand. Danach schreibe ich meinem Bekannten in Oldenburg eine Email. Mein Bekannter ist mein Experte vor Ort. Sein Expertentum begr\u00fcndet sich vor allem in der Tatsache, dass er vor Ort ist, was ich ja bekannterma\u00dfen nicht bin. Ob er schon einmal von der Erftenmoder geh\u00f6rt habe, ob sie ihm wom\u00f6glich begegnet sei, frage ich und erkundige mich auch noch nach Freundin, Karriere und Hund, damit ich mir nicht vorwerfen lassen muss, es ginge mir nur um die Erbsen. Kurz darauf erhalte ich die ern\u00fcchternde Antwort: Nein, nie von der Erftenmoder geh\u00f6rt. Nein, begegnet ist er ihr auch nie. (Karriere: okay, Freundin: vorbei, Hund: Gastritis.)<\/p>\n<p>Ich schaue aus dem Fenster und meinem Basilikum beim Sterben zu und bin entt\u00e4uscht. Sollte mich meine Suche so fr\u00fch schon in eine Sackgasse gef\u00fchrt haben? Mein extra starker Mittagskaffee hat mich schon wieder m\u00fcde gemacht, also schlie\u00dfe ich die Augen, d\u00f6se vor mich hin und denke \u00fcber die Erftenmoder nach. Ich stelle sie mir irgendwie viktorianisch vor, in einem schwarzen Kleid also, das immer raschelt, wenn sie sich bewegt. Ich denke, dass sie sehr schmal ist, ja hager, ja ausgemergelt. Sie hat knochige H\u00e4nde und ein knochiges Gesicht und wirkt alt und gleichzeitig \u00fcberhaupt nicht alt. Wenn man ihr Gesicht sieht, h\u00e4lt man es f\u00fcr m\u00f6glich, dass sie \u00fcber hundert Jahre ist, aber sie bewegt sich \u00fcberraschend schnell und lautlos; das muss sie auch, wie sollte sie sonst die Kinder fassen k\u00f6nnen? Ihre Haut ist sehr wei\u00df und hat einen leicht gr\u00fcnlichen Schimmer. Deswegen, \u00fcberlege ich, nennt man sie Erftenmoder.<\/p>\n<p>Ich habe die Augen geschlossen, denke an die gr\u00fcnlich wei\u00dfe Haut der Erftenmoder und schaukle gerade auf meinem Stuhl vor und zur\u00fcck, als es pl\u00f6tzlich an der Wohnungst\u00fcr klopft. Vor Schreck falle ich fast vom Stuhl. Bestimmt nur der Paketbote oder vielleicht die Nachbarin, denke ich, aber im Grunde glaube ich selbst nicht daran. Etwas an dem Klopfen selbst, der bestimmte schnelle Takt wom\u00f6glich, eine gewisse Dringlichkeit oder Bestimmtheit, schlie\u00dfen jeden Paketboten und Nachbarn aus. Das sonderbarste Gef\u00fchl kommt mir, w\u00e4hrend ich aufstehe und durch die K\u00fcche und weiter in den Flur schleiche. Einen Moment stehe ich ganz still und betrachtete die Wohnungst\u00fcr, hinter der sich verbirgt, wer immer da an meine T\u00fcr geklopft hat.<\/p>\n<p>Meine Nackenhaare stellen sich auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich will mir hier nichts ausdenken, ich will es genau so erz\u00e4hlen, wie es sich zugetragen hat. Und wenn man ordentlich erz\u00e4hlen will, wie etwas gewesen ist, f\u00e4ngt man am besten am Anfang an. 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