{"id":1296,"date":"2016-09-24T18:26:06","date_gmt":"2016-09-24T16:26:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=1296"},"modified":"2017-03-21T14:00:40","modified_gmt":"2017-03-21T12:00:40","slug":"3-besuch-der-erftenmoder-tee","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=1296","title":{"rendered":"3. Besuch der Erftenmoder: Tee"},"content":{"rendered":"<p>Wenn jemand an der T\u00fcr klingelt, finde ich, dann liegt es in seiner Verantwortung, sich vorzustellen, sein Anliegen vorzutragen, zu gr\u00fc\u00dfen und sich zu erkl\u00e4ren. Aber die Erftenmoder tut nichts davon. Sie steht blo\u00df in meinem Flur und schaut mich an, und ich kann nicht glauben, dass sie den ganzen Weg aus dem Norden und bis hierher auf sich genommen hat, nur um geheimnisvoll zu schweigen. Langsam, leise raschelnd, schreitet sie meinen Flur entlang und bis ins Wohnzimmer. Ich folge ihr und bleibe wachsam im T\u00fcrrahmen stehen.<\/p>\n<p>\u201eWarm hier\u201c, stellt die Erftenmoder fest. Ihre Stimme klingt rau und tief und nicht so, wie ich es erwartet habe, auch wenn ich nicht genau sagen k\u00f6nnte, welche Art Stimme ich mir vorgestellt hatte. \u201eAltbau\u201c, sagt die Erftenmoder und schaut zur Stuckdecke hinauf. \u201eDanke\u201c, sage ich, und dann f\u00e4llt mir auf, dass die Erftenmoder mir eigentlich kein Kompliment gemacht hat. Tats\u00e4chlich betrachtet sie meine Wohnung mit gerunzelter Stirn. Sieht sich missbilligend im Wohnzimmer um, sieht sich missbilligend im Schlafzimmer um, und auch in der K\u00fcche verzieht sie die schmalen, beinahe farblosen Lippen und r\u00fcmpft die Nase, als stiege ihr ein unangenehmer Geruch in die Nase.<\/p>\n<p>\u201eHier arbeiten Sie also\u201c, sagt die Erftenmoder.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, sage ich. \u201eMeist trinke ich aber blo\u00df Kaffee oder schaue mir Horrorfilm-Trailer an.\u201c<\/p>\n<p>Die Erftenmoder sagt, dass ich bei meiner Arbeitsmoral ja gro\u00dfes Gl\u00fcck h\u00e4tte, in den goldenen Zeiten des K\u00fcnstler-Prekariats zu leben, und mich nicht mit ernsthafteren T\u00e4tigkeiten wie der Ernte von Erbsen besch\u00e4ftigen m\u00fcsse. Ich r\u00e4ume ein, dass sie da wahrscheinlich recht hat. Dann kommt mir ein Geistesblitz. \u201eM\u00f6chten Sie vielleicht einen Tee?\u201c, frage ich. Und f\u00fcge stolz hinzu: \u201eIch habe sogar Ostfriesenmischung da.\u201c<\/p>\n<p>Die Erftenmoder neigt den Kopf, auf eine majest\u00e4tische Weise, mit dieser besonderen, irgendwie gelangweilten Geduld, die selbst die kleinsten Gesten schwer und bedeutungsvoll erscheinen l\u00e4sst. Ihre Lider schlie\u00dfen sich langsam und f\u00fcr einen kurzen Moment. Es ist ihr vollkommen gleich, ob ich ihr Tee serviere oder nicht, sagt mir dieses Nicken. Aber sie wird ihn aus H\u00f6flichkeit trinken. Ich hole meine guten Tassen hervor und die sch\u00f6ne Teekanne, setze das Wasser auf und trage kurz darauf alles ins Wohnzimmer. Dort sitzen wir dann, ein wenig befangen, bevor ich der Erftenmoder schlie\u00dflich Tee einschenke. Sie nimmt einen bed\u00e4chtigen Schluck. Ihre Mundwinkel zucken, sie spitzt die Lippen, als h\u00e4tte sie auf etwas \u00fcberraschend Hartes oder Saures gebissen. Mit ihren gr\u00fcnen Erbsenaugen sieht sie mich vorwurfsvoll an.<\/p>\n<p>\u201eEs ist das Wasser!\u201c, sage ich. \u201eIch kann nichts daf\u00fcr. Im S\u00fcden schmeckt der Tee anders als im Norden, und im Westen anders als im Osten. Das liegt blo\u00df am Wasser\u201c, sage ich. Die Erftenmoder schiebt ihre Tasse \u00fcber den Tisch und von sich fort. \u201eJetzt aber zur Sache\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>\u201eZur Sache?\u201c, frage ich.<\/p>\n<p>\u201eNa, ich bin sicher nicht zum Vergn\u00fcgen hier\u201c, sagt sie, in einem Ton, der keinen Zweifel daran l\u00e4sst, wie unwahrscheinlich es ist, dass irgendwer mich je zum Vergn\u00fcgen besuchen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>\u201eAch nein. Warum dann?\u201c, frage ich und nehme einen kr\u00e4ftigen Schluck meines schwachen Ostfriesentees.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn jemand an der T\u00fcr klingelt, finde ich, dann liegt es in seiner Verantwortung, sich vorzustellen, sein Anliegen vorzutragen, zu gr\u00fc\u00dfen und sich zu erkl\u00e4ren. Aber die Erftenmoder tut nichts davon. 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