{"id":1339,"date":"2016-09-17T13:21:41","date_gmt":"2016-09-17T11:21:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=1339"},"modified":"2017-03-21T14:02:47","modified_gmt":"2017-03-21T12:02:47","slug":"10-im-schatten-der-gertrudenlinde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=1339","title":{"rendered":"10. Im Schatten der Gertrudenlinde"},"content":{"rendered":"<p>Mein Bekannter und ich sitzen im Schatten der Getrudenlinde. Es ist furchtbar hei\u00df und furchtbar hell, und ich blinzle die ganze Zeit. Dass man auf einem Friedhof auch schwitzen kann, finde ich irgendwie unangemessen. Auf Friedh\u00f6fen sollte man sich immer nur fr\u00f6stelnd und durch dicke Nebelschwaden fortbewegen. Es sollte schneien oder zumindest regnen, wenn man \u00fcber einen Friedhof schleicht. An diesem Nachmittag aber sind es 37 Grad im Schatten, und uns beiden ist sehr hei\u00df.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir uns diskret Schwei\u00df von den Nasen tupfen, erz\u00e4hlt mir mein Bekannter die Geschichte der Gertrudenlinde. Vor vielen, vielen Jahren, erz\u00e4hlt mein Bekannter, wurde ein Waisenm\u00e4dchen zu Unrecht des Diebstahls beschuldigt. Bei ihrer Hinrichtung steckte sie einen Zweig in den Boden und erkl\u00e4rte, dass sie unschuldig sei und ihre Unschuld bewiesen werde, wenn aus dem Zweig ein Baum erwachse. Sie wurde zwar hingerichtet, aber zumindest ihre Unschuld konnte dank der Linde, unter der wir jetzt sitzen, noch bewiesen werden. Ich denke dar\u00fcber nach, ob das arme Waisenm\u00e4dchen vielleicht auch eine Dichterin war und \u00fcber das Gespr\u00e4ch der Tiere und ganz besonders der B\u00e4ume Bescheid wusste. Ich denke dar\u00fcber nach, ob das dichtende Waisenm\u00e4dchen vielleicht ein wenig zu au\u00dferh\u00e4usig gelebt hat und deswegen am Ende doch ihre ahnungslosen Arbeitgeber bestehlen musste.<\/p>\n<p>Davon aber will mein Bekannter nichts wissen.<\/p>\n<p>\u201eNein, nein, sie war unschuldig\u201c, behauptet er, so als h\u00e4tte ich seine Ehre verletzt und nicht die des dichtenden Waisenm\u00e4dchens.<\/p>\n<p>\u201eMir ist so was \u00c4hnliches auch mal passiert\u201c, sage ich.<\/p>\n<p>Mein Bekannter schaut mich verwundert an. \u201eWie?\u201c, fragt er. \u201eWas?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa, letztes Jahr, da hatte irgendwer bei uns im Treppenhaus eine Bierflasche fallen lassen. Im zweiten Stock, also genau vor unserer Wohnungst\u00fcr. Und meine Nachbarin dachte, ich sei es gewesen. Aber ich war es nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAha\u201c, sagt mein Bekannter unsicher. \u201eUnd dann?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa, ich habe meine Unschuld versichert. Also beteuert, dass ich es nicht war\u201c, sage ich, und meine Stimme wird ein wenig br\u00fcchig, und ich f\u00fchle mich\u00a0wie ein dichtendes Waisenm\u00e4dchen. \u201eMir hat keiner geglaubt, und ich habe die Scherben trotzdem wegfegen m\u00fcssen. Obwohl ich unschuldig war.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa, das ist jetzt aber nicht ganz das Gleiche\u201c, sagt mein Bekannter.<\/p>\n<p>\u201eHabe ich ja auch nicht behauptet, dass es<em> das Gleiche<\/em> ist\u201c, schnappe ich. \u201eIch habe gesagt, dass mir etwas <em>\u00c4hnliches<\/em> passiert ist.\u201c<\/p>\n<p>Wir schweigen. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. Was, wenn mir hier in Oldenburg \u00fcberhaupt nichts Unheimliches mehr passiert? Was, wenn das Unheimliche bereits passiert ist, und ich es schlicht nicht bemerkt habe? Au\u00dferdem ist mir nat\u00fcrlich klar, dass mein Bekannter recht hat. Meine Geschichte ist \u00fcberhaupt nicht zu vergleichen mit dem tragischen Schicksal des unschuldigen Waisenm\u00e4dchens. Die Zeit der Abenteuer ist vorbei. Wie soll man heute noch Schriftstellerin sein? Von welchen fantastischen, unglaublichen, tragischen, mitrei\u00dfenden, au\u00dfergew\u00f6hnlichen Begebenheiten soll man erz\u00e4hlen, wenn einem nichts Aufregenderes im Leben passiert, als dass man die Scherben einer Bierflasche, die man gar nicht selbst zerbrochen hat, zusammenfegen muss?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Bekannter und ich sitzen im Schatten der Getrudenlinde. Es ist furchtbar hei\u00df und furchtbar hell, und ich blinzle die ganze Zeit. Dass man auf einem Friedhof auch schwitzen kann, finde ich irgendwie unangemessen. 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