{"id":1392,"date":"2016-08-31T13:45:19","date_gmt":"2016-08-31T11:45:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=1392"},"modified":"2017-03-21T14:24:18","modified_gmt":"2017-03-21T12:24:18","slug":"25-die-geschichte-vom-schilfmann-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=1392","title":{"rendered":"25. Die Geschichte vom Schilfmann (2)"},"content":{"rendered":"<p>Im Nachhinein k\u00f6nne niemand genau sagen, wer die Geschichte erfunden, wer sie sich erdacht hatte. War es tats\u00e4chlich Michel, der zum ersten Mal vom Schilfmann erz\u00e4hlte, jener Gestalt, die ihn in kurz vor der gro\u00dfen Pause zwischen Wurzeln und Dezimalbr\u00fcchen heimgesucht hatte? Nein, im Grunde waren sich alle Kinder einig, dass sie schon immer vom Schilfmann gewusst hatten, sich schon immer Geschichten \u00fcber den Schilfmann erz\u00e4hlt hatten. Und auch den Eltern der Kinder war es, als seien sie selbst in den Zeiten, da sie Kinder gewesen waren, von ihren eigenen Eltern vom Schilfmann gewarnt worden.<\/p>\n<p>Geht nicht zum Fl\u00f6tenteich, sonst fasst euch der Schilfmann!<br \/>\nAber es war Michel, Michel ohne Zweifel, der vorschlug, sich auf die Jagd nach dem Schilfmann zu machen. Denn wer den Schilfmann fand, der w\u00fcrde auch Tobias wiederfinden, da war er sich sicher.<br \/>\n\u201eDie waren so ein Trupp, wie die F\u00fcnf Freunde, nur ohne Hund\u201c, wei\u00df der ein\u00e4ugige Fritz. \u201eZogen um den See, trieben sich im Schilf rum.\u201c<br \/>\n\u201eUnd dann?\u201c, fragt mein Bekannter gespannt.<br \/>\nAber der ein\u00e4ugige Fritz zuckt nur mit den Achseln.<br \/>\n\u201eNa, mehr wissen wir im Grunde auch nicht. Nur, dass der Junge, also der verschwundene, dass der nie wieder aufgetaucht ist.\u201c<br \/>\n\u201eUnd der Schilfmann?\u201c, frage ich atemlos. \u201eWas ist mit dem? Haben die Jungen ihn gefunden? War es blo\u00df ein ganz normaler Mann? Einer, der eben zuf\u00e4llig im Schilf lebte? Was tat er dort? Was hatte er mit den Hunden vor, und was mit dem Jungen?\u201c<br \/>\nNun aber zuckt auch Evie mit den Achseln. \u201eNee, mehr wissen wir da wirklich nicht dr\u00fcber. Tut uns leid.\u201c<br \/>\nMein Bekannter und ich tauschen einen ratlosen Blick. Wir stellen Evie und dem ein\u00e4ugigen Fritz noch ein paar Fragen, die aber nirgendwo hinf\u00fchren. Gleich wie geschickt wir unsere Fragen verpacken, \u00fcber den Schilfmann wissen die beiden nun einmal nichts weiter.<\/p>\n<p>Die Sonne steht schon tief, als mein Bekannter und ich noch eine letzte Runde um den Fl\u00f6tenteich drehen. Hin und wieder meine ich, eine Bewegung aus den Augenwinkeln und im Schilf gesehen zu haben, aber immer wenn wir stehen bleiben und uns das Schilf in aller Ruhe ansehen, gibt es da nichts zu entdecken, erst recht keinen Mann.<br \/>\nIrgendwann gehen wir zur\u00fcck zum Auto.<br \/>\n\u201eMorgen fahre ich zur\u00fcck\u201c, er\u00f6ffne ich meinem Bekannten und bin \u00fcber meine Worte fast so \u00fcberrascht wie mein Bekannter. Aber im selben Moment, da ich sie gesprochen habe, wei\u00df ich, dass es so und nicht anders sein kann: Morgen fahre ich zur\u00fcck nach Berlin. Als h\u00e4tte irgendwo irgendwer eine T\u00fcr geschlossen, als sei ein Datum, auf das ich die ganze Zeit gewartet habe, pl\u00f6tzlich gekommen, eine Art Frist erreicht, eine Vereinbarung abgeschlossen. Meine Zeit hier ist abgelaufen. Das wei\u00df ich, das wei\u00df das schreiend Ding, das wei\u00df Herman Holmer, und die Erftenmoder wei\u00df es, und mein Bekannter wei\u00df es auch.<br \/>\n\u201eTut mir leid\u201c, sagt mein Bekannter.<br \/>\n\u201eWas?\u201c, frage ich.<br \/>\n\u201eNa, das wir \u00fcberhaupt nichts gefunden haben. Dass es jetzt auch noch so endet, hier am Fl\u00f6tenteich, mit irgendwelchen Andeutungen, mit irgendetwas, was anf\u00e4ngt, aber \u00fcberhaupt nirgendwo hinf\u00fchrt. Der Schilfmann \u2026\u201c Er sch\u00fcttelt den Kopf.<br \/>\n\u201eSpinnst du?\u201c, frage ich. Ich denke an die Erz\u00e4hlung vom Schilfmann, die eigentlich gar keine Erz\u00e4hlung ist, die f\u00fcnf Freunde ohne Hund, \u00fcber die ich kaum etwas wei\u00df, die den Schilfmann gefunden haben oder nicht, ich denke an den verschwundenen Jungen, der wohl nie wieder aufgetaucht ist, und all die Oldenburger Hunde, die mir im Grunde ziemlich gleich sind, ich denke an all die Fragen und an die Antworten, die uns der ein\u00e4ugige Fritz nicht hat geben wollen. In meinem Kopf greife ich zum Stift, in meinem Kopf fange ich bereits an zu tippen. Es war der hei\u00dfeste Tage des Jahres, tippe ich.<br \/>\n\u201eWas meinst du?\u201c, fragt mein Bekannter.<br \/>\n\u201eNa, ich habe doch das, weswegen ich hier gekommen bin\u201c, sage ich.<br \/>\nMein Bekannter runzelt die Stirn.<br \/>\n\u201eEine Geschichte\u201c, sage ich. \u201eIch habe eine Geschichte.\u201c<\/p>\n<p>Ich verabschiede mich von meinem Bekannten, ich verabschiede mich von dem Studenten und von Siggi und Bruno, ich spreche einen stummen Dank, den ich der Erftenmoder und Herman Holmer schicke. Am sp\u00e4ten Nachmittag setze ich mich in den Zug und fahre nach Hause.<br \/>\nMeine Wohnung in Berlin ist fremd und still und so verschwiegen, als h\u00e4tte sie ein Geheimnis. In der K\u00fcche setze ich mich an meinen Tisch, ich mache mir nichts zu essen und keinen Tee. Ich stellte den Computer an, \u00f6ffne ein Dokument. Es ist wei\u00df und ger\u00e4umig und bereit f\u00fcr mich.<br \/>\nIch fange an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Nachhinein k\u00f6nne niemand genau sagen, wer die Geschichte erfunden, wer sie sich erdacht hatte. 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