{"id":655,"date":"2014-09-29T16:00:23","date_gmt":"2014-09-29T14:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=655"},"modified":"2014-09-30T11:32:31","modified_gmt":"2014-09-30T09:32:31","slug":"aufsichtsrats-reich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=655","title":{"rendered":"Aufsichtsrats Reich [ 3 ]"},"content":{"rendered":"<p>Montagmorgen, Wecker um sieben, tiefschwarzer, verhangener Morgen, Erektion bis in die K\u00fcche. Warte in Unterhose auf den Kaffee, w\u00e4rme mir die Eier auf der Heizung, tippe eine SMS, gleich voller Liebe in die Woche starten, mir gutes Karma raufschaffen: \u201eAll die Jahre, all die Versprechen, all meine Kraft. Und du? Nur L\u00fcgen und Schei\u00dfe. Hast es immer gewusst, richtig? Du bist die L\u00fcge. Unbegreiflich.\u201c<br \/>\nSack warm, Kaffee hei\u00df, F\u00fc\u00dfe kalt.<\/p>\n<p>Heute: Hausbesuch. Mein besonderer Service f\u00fcr die besonderen Kunden, die besonders zahlungskr\u00e4ftigen, die mit den Sonderw\u00fcnschen. Oft rufen diese Menschen mitten in der Nacht an, rotzverheulte Stimme, v\u00f6llig aufgel\u00f6st, ob ich kommen k\u00f6nne (dabei, mal im Ernst, gibt\u2019s ja genau dann nun wirklich keine Eile mehr), was jetzt zu tun sei. K\u00fchl lagern, sage ich dann mit tiefer ruhiger Stimme, lege zwischen jedes Wort eine angemessene Pause und: Beruhigen Sie sich, ich werde alle Termine f\u00fcr morgen absagen und bei Ihnen vorbeikommen. Trinken Sie jetzt auf Ihren Liebling und versuchen Sie zu schlafen. Ich kann das, auch am Telefon.<br \/>\nHeute also: dunkler Anzug, wei\u00dfes Hemd, schwarze Krawatte. Empathy sells. Nassrasur, Gel und ab in die Elbvororte. Dort wartet ein Rottweiler auf mich. Tiefgek\u00fchlt.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nRottweiler. Da f\u00e4llt mir diese Schote von vor zwei Jahren ein: Ruft mich ein P\u00e4rchen an, ich solle doch bitte vorbeikommen, man brauche eine \u201eBehandlung\u201c. Beide vielleicht Anfang drei\u00dfig, Business-Typen. Er vielleicht Anwalt, sie B\u00e4nkerin. Vielleicht Management, auf jeden Fall: Riesenwohnung, beste Lage, vierter Stock, Loggia, Sch\u00f6ner-Wohnen-Style. Keine Assis, keine Perversen (wie man sie sich vielleicht vorstellt), keine alten geilen B\u00f6cke. Ob ich ihnen einen Bettvorleger aus ihrem Brutus machen k\u00f6nne. Bettvorleger? So wie bei Dinner for One. Der Tiger. Warum nicht? Von mir aus. Handwerklich kein Problem. Bei mir ist der Kunde K\u00f6nig.<br \/>\nDann \u2013 h\u00fcstelh\u00fcstel \u2013 ob ich die Genitalien \u201eaufbereiten\u201c k\u00f6nne. Einlegen. In Formaldehyd oder so.<br \/>\nAuch das.<br \/>\nSolche Leute wissen, was sie an einem haben. Solche Leute empfehlen einen weiter.<br \/>\nWar vielleicht mein wichtigster Auftrag, seitdem kommt alle zwei Wochen so ein Bettvorleger-Auftrag, mit dem ich so viel verdiene, dass ich zwei Monate gut davon leben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Es ist arschkalt geworden. Ich stehe Minuten lang vor dem riesenhaften Stahlzaun, der die Auffahrt verschlie\u00dft, bis es endlich in der Leitung knackt. Stelle wei\u00dfe Fahnen aus Atem in die klare Luft. Eine Frauenstimme. Es summt, ich dr\u00fccke die T\u00fcr auf, betrete den Park.<br \/>\nEine d\u00fcrre Frau, die in ihrem gro\u00dfen Pullover zu verschwinden droht. M\u00fcde, rote Augen, unsortiertes Haar, die Hand, die sie mir kurz reicht, ist gl\u00fchend hei\u00df.<br \/>\nWir trinken Kaffee aus sehr kleinen T\u00e4sschen, ich sehe mich um, stelle ein paar Fragen zum Tier. Acht Jahre, Maulh\u00f6hlenkrebs, zu sp\u00e4t entdeckt, hatte schon gestreut. Pl\u00f6tzlich bricht die Frau in Tr\u00e4nen aus, kippt und lehnt sich an meine Schulter. Lege meinen Arm um sie, frage nach einer Weile, wo der Hund denn liege?<br \/>\n\u201eTerrasse\u201c, schluchzt sie. Ich stehe auf und gehe hinaus. Da liegt das Tier, hart und leicht eingeschneit. D\u00fcrr geworden, sch\u00f6nes Fell.<br \/>\n\u201eDas ist Aufsichtsrat\u201c, sagt die Frau, die pl\u00f6tzlich hinter mir steht in ihren Hausschuhen. Ich nicke. Aufsichtsrat? Muss grinsen, hinter den Lippen, klar.<br \/>\nDrinnen frage ich, was ich denn f\u00fcr sie tun k\u00f6nne.<br \/>\nZweierlei, sagt die Frau, zum einen solle das Fell, gut gegerbt, weiterverarbeitet werden. Zum anderen wolle sie den Rest des K\u00f6rpers wie in der K\u00f6rperweltenausstellung, plastiniert haben. Ob ich das k\u00f6nne.<br \/>\nDas Fell k\u00f6nne ich Aufsichtsrat wohl \u00fcber die Ohren ziehen, sage ich, aber plastinieren, nein, das ist eine Wissenschaft f\u00fcr sich, man braucht ganz spezielle Kunstoffe, Acetonbecken und Aush\u00e4rtungskammern. Sei ein aufwendiger Prozess, je nach Gr\u00f6\u00dfe eines Plastinats ziehe sich das locker \u00fcber ein halbes Jahr. Da m\u00fcsse sie sich direkt an von Hagens wenden.<br \/>\nHabe sie schon. Aber der Meister nehme keine Auftr\u00e4ge an.<br \/>\nEin Skelett, sage ich, das k\u00f6nne ich anfertigen, und die Haut. Ich k\u00f6nne Einzelteile in Formaldehyd legen, alles in allem k\u00f6nnten wir eine Menge von Aufsichtsrat erhalten &#8230;<br \/>\nSie werde sich bei mir melden, sagt sie und geht vor in die K\u00fcche, bl\u00e4ttert in einem gro\u00dfen Buch und kommt dann mit einem Umschlag auf mich zu. F\u00fcr die Anfahrt und die Beratung. L\u00e4chelt sparsam, nickt Richtung T\u00fcr.<br \/>\nDrau\u00dfen, zur\u00fcck im Morgen, alles in allem keine Dreiviertelstunde, ich lunse in den Umschlag. Fasse es nicht, f\u00fcnfhundert Euro? F\u00fcr sie nur ein Trinkgeld. Ich sehe mich um, was muss allein dieses Grundst\u00fcck wert sein? Vielleicht 5.000 Quadratmeter in dieser Lage? Aufsichtsrats Reich. Hier hat der K\u00f6ter sich ausgekackt. Hundeleben. Maulkrebs von zu viel Bioleber.<\/p>\n<p>SMS bekommen: \u201eWo in dir hat blo\u00df all die Jahre dieser Hass gewohnt? Wo hattest du ihn so gut versteckt?\u201c<\/p>\n<p>Seit ich f\u00fcnf bin, wei\u00df ich, dass etwas in mir schlummert. Irgendwas, von dem ich gar nicht genau wissen will, was es ist. Wir hatten diese Tagesmutter, Nina, und an einem Tag im Sommer, ich wei\u00df noch, wir lagen zu dritt im Garten im Schatten der damals noch kleinen Birke. Ich war in einem merkw\u00fcrdigen Zustand, nicht ganz wach, nicht ganz schlafend, h\u00f6rte Ninas helle, glockenhafte Stimme, liebte sie, hasste sie. Hasste, dass sie mich nicht liebte, wie ich sie liebte. Dass sie mich nicht liebte, wie sie meine Schwester liebte. So sehr ich mich auch anstrengte, es war vergebens, Nina war unerreichbar f\u00fcr mich. Ich blinzelte gegen das Licht, Nina ist wie rotgerahmt in dieser Erinnerung, durch meine sonnenroten Lider. Das war mein erster, ganz und gar bewusst erlebter \u2013 was sage ich? &#8211; zelebrierter Hass. Ich lag, blinzelte, f\u00fchlte es kochen in mir, balancierte auf der Grenze zum Schlaf. Glitt immer wieder ab in nicht steuerbare Traumausfl\u00fcge, verlor das Gef\u00fchl f\u00fcr Wirklichkeit und Traum, lie\u00df mich gehen. Sehe es noch vor mir: Wie Nina vor mir d\u00f6ste und ich hinter ihr stand, gen\u00fcsslich z\u00f6gerte, den Duft ihrer honiggelben Haare in meinen Bauch sog, sie von hinten packte und erw\u00fcrgte. Sie zitterte und r\u00f6chelte, es dauerte Minuten. Wie es tanzte, wie ich flog, wie ich dr\u00fcckte und meine Nina nicht mehr loslie\u00df.<br \/>\nAls ich erwachte, lag ich allein im Garten, wusste gar nichts mehr, sch\u00fcttelte mich Panik. Tr\u00e4nen schossen mir ins Gesicht und ich rannte ins Haus, h\u00f6rte Stimmen, alles war verschwommen. Hatte ich Nina get\u00f6tet, meine sch\u00f6ne Nina? Und da stand sie, in der K\u00fcche, schnitt Obst in eine Schale und lachte \u00fcber einen Witz meiner Schwester. Nichts. Nur ein schaurigsch\u00f6ner Traum. Ich gruselte mich und wollte mich gleichzeitig zur\u00fcckverkriechen in meinen Traum, sie noch einmal t\u00f6ten. Immer wieder. L\u00e4nger. Diese Macht. Solche Lust und keine Konsequenz. Nina strich mir mit der Hand \u00fcber den Hinterkopf und das Glas mit eiskaltem Tee, das sie mir gab, ich wei\u00df noch, weckte mich endlich wirklich auf. Ich musste mich setzen und wusste ab diesem Zeitpunkt, dass in mir drin etwas nicht stimmte.<\/p>\n<p>SMS: \u201eM\u00f6chte dich so gern bestrafen.\u201c<\/p>\n<p>Wasche ein paar Tiere. Baue ein paar K\u00f6rper. Alles Handarbeit. H\u00f6re dabei ein Radiofeature \u00fcber Metamorphosen. Kapiere nur die H\u00e4lfte. Es gibt zu viele Schei\u00dfstudenten. Bin betrunken.<\/p>\n<p>Kleiner, gepolsterter Umschlag im Briefkasten. Gleiche behinderte Handschrift wie auf dem Kofferpaket. Rei\u00dfe ihn mit den Z\u00e4hnen auf:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/schl\u00fcssel.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-656\" src=\"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/schl\u00fcssel-200x133.jpg\" alt=\"schl\u00fcssel\" width=\"200\" height=\"133\" srcset=\"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/schl\u00fcssel-200x133.jpg 200w, http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/schl\u00fcssel-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/schl\u00fcssel-450x300.jpg 450w, http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/schl\u00fcssel.jpg 720w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><br \/>\nzwei Schl\u00fcssel, kleine Metallschl\u00fcssel, sparsam verziert, \u00f6ffnen irgendeine Kommode oder einen alten Holzschrank, vielleicht \u2013 den Koffer?<br \/>\nNein, den nicht.<br \/>\nSchl\u00fcssel? Was ist eigentlich los, was soll der Schei\u00df? Wieder kein Absender. Lege sie auf den K\u00fcchentisch. Rauche vier Zigaretten im Stehen, glotze auf die dunkle Stra\u00dfe. Ich h\u00f6re einfach auf, mir einen Kopf zu machen. Irgendein Mistsack lacht sich ins F\u00e4ustchen. Ich lasse ihn. Und zum Beweis schnappe ich mir den Koffer, gehe zu Crown-Pizza und kaufe eine Familienpizza, die mit Schachtel geilerweise genau in den bekackten Koffer passt. Der Ali hinterm Tresen staunt nicht schlecht und kratzt sich die dunkle R\u00fcbe, als ich den Koffer auf den Tisch latze und die Pizza darin verschwinden lasse. Guck nur, wunder dich. Als ich vor die T\u00fcr gehe und in der K\u00e4lte stehe, \u00e4rgere ich mich \u00fcber meine mittelm\u00e4\u00dfige Idee. Kann den Koffer nat\u00fcrlich nicht am Henkel tragen, sonst suppscht der Belag vom Teig. Egal. Dreihundert Meter. Die Leute glotzen. Vielleicht ist einer von ihnen der beschissene Scherzkeks, der mir seinen Plunder schickt?<\/p>\n<p>SMS: \u201eDrohst du mir?\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Montagmorgen, Wecker um sieben, tiefschwarzer, verhangener Morgen, Erektion bis in die K\u00fcche. Warte in Unterhose auf den Kaffee, w\u00e4rme mir die Eier auf der Heizung, tippe eine SMS, gleich voller Liebe in die Woche starten, mir gutes Karma raufschaffen: \u201eAll &hellip; <a href=\"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=655\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/655"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=655"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/655\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":844,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/655\/revisions\/844"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=655"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=655"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=655"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}