{"id":663,"date":"2014-09-29T15:59:23","date_gmt":"2014-09-29T13:59:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=663"},"modified":"2014-09-30T11:36:13","modified_gmt":"2014-09-30T09:36:13","slug":"eine-million-stunden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=663","title":{"rendered":"Eine Million Stunden [ 4 ]"},"content":{"rendered":"<p>Kopfschmerz. Kopfschmerz. Kopfschmerz.<\/p>\n<p>SMS bekommen: \u201eWelcher Koffer?\u201c<br \/>\nWenn der Koffer tats\u00e4chlich nicht von ihr ist, von wem dann?<br \/>\nSchreibe: \u201eDie Schl\u00fcssel haben gepasst. Nett von dir. Konnte das Geld gut gebrauchen.\u201c<br \/>\nNur um zu sehen, ob sie darauf anspringt.<\/p>\n<p>Eine Totgeburt von Tag. Bewege mich au\u00dfer zum Klo keinen Zentimeter. W\u00fcnschte, ich k\u00f6nnte das ganze leere Wochenende einfach wegschlafen. Tr\u00e4ume von meiner Ausstellung. Lebenswerk. Kraftquelle. Gem\u00e4lde aus Tierk\u00f6rpern.<\/p>\n<p>Drehe mich von einer Seite auf die andere. \u00dcberlege, dass ich mehr als hundertvierzehn Jahre aushalten m\u00fcsste, wenn ich dem Universum eine Million Stunden Lebenszeit abtrotzen wollte: vierundzwanzig mal dreihundertf\u00fcnfundsechzig mal hundertvierzehn sind gerade mal knapp eine Million. Wenn ich nicht abartiges Gl\u00fcck habe, hab ich nicht mal eine Million Stunden. Wirklich, keine Zeit zu verschwenden. Ein Wochenende wegschlafen? Fuck.<br \/>\nGenau genommen bin ich Fleischm\u00fcll und mehr nicht. Alles, was ich jemals denke und f\u00fchle, mache und tue ist endlos irrelevant in der Unendlichkeit. Um das zu verstehen, muss man sich nur vorstellen, ohne Ged\u00e4chtnis zu sein. Oder in ein Demenzheim gehen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>SMS: \u201eIn mir drin, tief unter einer wachsenden Gummischicht, gibt es etwas, das dich vermisst. Nein. Etwas, das das vermisst, was du immer vorgegeben hast zu sein\u201c (nicht gesendet)<\/p>\n<p>Qu\u00e4le mich also doch noch einmal raus und vor die T\u00fcr. So wie ich mich f\u00fchle, schaffe ich nicht mal eine halbe Million Stunden. Da gibt es nichts zu verschwenden.<br \/>\nFahre in den verlassenen Klotz aus Stahlbeton. Meinen Klotz. Sechzigerjahrebau, vierzehn Stockwerke, hunderte Wohnungen, die einfach leer stehen, Raum aufspannen f\u00fcr mich, leere, frisch grundierte Leinw\u00e4nde. Ich laufe durch die einzelnen Stockwerke, meine Schritte hallen in der Leere, wo es n\u00f6tig ist, trete ich T\u00fcren ein. Im siebten Stock schleudere ich einen Aschenbecher durch ein geschlossenes Fenster. Das Klirren der Scheibe, durchsichtige Risse vor dem grauen Himmel, Wind dr\u00fcckt herein. Habe kurz Tr\u00e4nen in den Augen, seltsam sch\u00f6n. Dieses Haus bin ich, denke ich f\u00fcr einen Moment. Hier bin ich zu Hause, hier bin ich, wer ich bin. Ein verlassener Bau, vergessen, leer und voller vergangener Geschichten. Mein Atem gefriert am hochgeschlagenen Kragen, H\u00e4nde in den Taschen, trabe ich durch das Treppenhaus. H\u00f6her und h\u00f6her, durch die Flure und Zimmer, gesplitterte Spanholztr\u00e4ume, vergilbte Gardinen, aufgegebene Pennerlager. Alles ist richtig an diesem Ort, alles ist genau so, wie es sein soll. Ich m\u00f6chte diesen Ort f\u00fcr immer konservieren und ausgestalten. Ich m\u00f6chte, dass kein verdammter Investor je auf die Idee kommt, dieses mir vom Kosmos geschaffene Refugium, diese meine B\u00fchne zu erwerben, abzurei\u00dfen, neu zu nutzen. Ort f\u00fcr all die Bilder, die hinter meiner Stirn wachsen.<br \/>\nJede Etage exakt gleich geschnitten. Immer und immer wieder. Dann doch individuell verwohnt, verfallen, verlebt. Ort unz\u00e4hliger Geschichten, Trag\u00f6dien und trauriger Existenzen. Dann die letzte Brandschutzt\u00fcr, die ich mit schmerzenden H\u00e4nden und einer rostigen Eisenstange aufhebele, Elendsarbeit.<br \/>\nStehe im Pfeifen des eiskalten Windes auf dem Dach, grauer Tag wie Waschbeton, Klirren in den Ohren. Als h\u00e4tte mein Kopf seinen Schmerz in den Himmel verl\u00e4ngert. H\u00e4nde in den Taschen, m\u00f6chte Insekten zertreten, Genitalien plastinieren, meine Mutter wieder ausbuddeln und anspucken. Dass sie ihr Geheimnis nicht mit in ihr dunkles Grab nehmen konnte. Sich auf dem Sterbebett, keine f\u00fcnf Zigaretten vor dem Tod, auszukotzen und all die lebenslangen L\u00fcgen mir in einem Schwall vor die F\u00fc\u00dfe zu spucken.<br \/>\nZ\u00fcnde eine Zigarette an, sie ist verbrannt, bevor ich den dritten Zug genommen habe, der Wind raucht mit.<br \/>\nAlles w\u00e4re so anders gewesen. Alles. Wie es gewesen ist \u2013 das ist das faszinierende \u2013 w\u00e4re es okay gewesen, nicht eben wie gemalt, aber gut: okay. Ich h\u00e4tte es akzeptieren k\u00f6nnen. Unertr\u00e4glich wird es jetzt, wo ich wei\u00df, dass alles anders zu bewerten gewesen w\u00e4re. Nicht nur bin ich betrogen um die echten Geschichten, vor allem ist alles bis hier hin gelebte entwertet, wie eine alte Fahrkarte, gelochtes Leben. Als Spielball. Der kleine Junge, dem man endlose L\u00fcgen auftischt, um ihm dann, wenn er endlich laufen kann, die Knie zu zertr\u00fcmmern? H\u00e4ttet ihr mich wenigstens in dem Glauben gelassen, ich w\u00fcsste, wer ich bin. Ich h\u00e4tte es ertragen k\u00f6nnen. Das was ich aus dem M\u00fcll meines Lebens gemacht habe, hat mir gestanden. Es hat gepasst. Ich hatte mich sortiert und einigerma\u00dfen verpanzert. Und jetzt soll ich alles neu denken. Warum. Nur weil du dein sterbendes Maul nicht halten konntest? Schei\u00df Klischee: auf dem Sterbebett noch kurz die Beichte abzulegen.<\/p>\n<p>Okay. Langsam wird es gruselig. Wer beschickt mich? Was soll das?<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/IMG_3362-Andere.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-664\" src=\"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/IMG_3362-Andere-200x133.jpg\" alt=\"IMG_3362 (Andere)\" width=\"200\" height=\"133\" srcset=\"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/IMG_3362-Andere-200x133.jpg 200w, http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/IMG_3362-Andere-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/IMG_3362-Andere-450x300.jpg 450w, http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/IMG_3362-Andere.jpg 720w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/IMG_3366-Andere.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-666\" src=\"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/IMG_3366-Andere-200x133.jpg\" alt=\"IMG_3366 (Andere)\" width=\"200\" height=\"133\" srcset=\"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/IMG_3366-Andere-200x133.jpg 200w, http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/IMG_3366-Andere-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/IMG_3366-Andere-450x300.jpg 450w, http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/IMG_3366-Andere.jpg 720w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein dreigliedriger Holzw\u00fcrfel mit Tiersegmenten. Oben K\u00f6pfe, unten Extremit\u00e4ten, in der Mitte Torsi. Sind das Botschaften, die ich zu bl\u00f6d bin zu verstehen?<br \/>\nDer Koffer steht auf dem Boden im Flur, das Maul weit aufgeklappt, wie ein Nilpferd, das mich auslacht mit seinem Riesenmaul. Werfe alles zusammen, Schl\u00fcssel, Holzdrehdings, knalle den Koffer zu. Dem Nilpferd das Maul gestopft. Ich w\u00fcnschte irgendwer h\u00e4tte wirklich einfach Geld geschickt. Viel Geld, so viel, dass ich nicht l\u00e4nger hin und her \u00fcberlegen br\u00e4uchte. So viel, dass die Lage klar gewesen w\u00e4re: einfach Sachen packen und weg von hier. Weg. Weg. Weit weg. Aber so.<br \/>\nWas kommt als n\u00e4chstes? Vielleicht ist irgendwann etwas dabei, das dem ganzen hier einen Sinn einhaucht. Irgendwas hat der Mensch, der mir all das hier schickt vor. Vielleicht kommt irgendwann ein abgeschnittenes Ohr, ein getragenes H\u00f6schen, ein blutiger Hammer, irgendsowas. Tatwaffe oder Troph\u00e4e. Dann wird es gut sein, wenn ich alles gesammelt habe. Vielleicht sollte ich die Gegenst\u00e4nde auch nicht weiter mit meinen Fingern ber\u00fchren. Handschuhe kaufen. Vielleicht sollte ich die Umschl\u00e4ge aufbewahren, Fotos machen.<\/p>\n<p>Kaufe mir ein halbes H\u00e4hnchen am Supermarktgrill. Trinke neun halbe Liter Bier w\u00e4hrend ich das halbe H\u00fchnerskelett zusammensetze. Ein Witz, der st\u00fcndlich besser wird. Ich sage: das k\u00f6nnte ein lohnendes Gesch\u00e4ft werden. So ein Renner unter Hipstern. M\u00fcsste man auf einen goldenen Sockel montieren und f\u00fcr hundertf\u00fcnfzig Piepen in so kleinen hippen Gesch\u00e4ften in Kreuzk\u00f6lln und auf St. Pauli verscheuern. W\u00fcrde funktionieren.<\/p>\n<p>SMS: \u201eDu bist so witzig. Das Drehdings, habe gelacht. Warum schenkst du mir so viel Geld?\u201c<br \/>\nDie restlichen Nudeln. Drei Kopfschmerztabletten. Iron Maiden. Dann Bett. Nach dem Einschlafen kommt doch noch eine Antwort: \u201eIch wei\u00df nicht, wovon du redest. Aber lieber so, als drohend. Schlaf gut.\u201c<br \/>\nBesoffen. Aus dem Traum gerissen. W\u00fctend. Tippe ich: \u201eWerde dich t\u00f6ten. Schlaf auch gut.\u201c Einfach so. Leider gesendet. Nicht so gemeint. Aber entschuldigen? Nein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kopfschmerz. Kopfschmerz. Kopfschmerz. SMS bekommen: \u201eWelcher Koffer?\u201c Wenn der Koffer tats\u00e4chlich nicht von ihr ist, von wem dann? Schreibe: \u201eDie Schl\u00fcssel haben gepasst. Nett von dir. Konnte das Geld gut gebrauchen.\u201c Nur um zu sehen, ob sie darauf anspringt. 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