{"id":694,"date":"2014-09-29T15:57:19","date_gmt":"2014-09-29T13:57:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=694"},"modified":"2014-09-30T11:37:43","modified_gmt":"2014-09-30T09:37:43","slug":"auftauen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=694","title":{"rendered":"Auftauen [ 6 ]"},"content":{"rendered":"<p>Tage stummer Arbeit. Geschmeidig bleiben. Nicht abdrehen. Alles ein bisschen viel im Moment. Was mir schon immer geholfen hat: Arbeiten. Dinge tun. Business as usual. Wenn es unruhig wird im Innern, einfach wegschaffen, was eh getan werden muss. Hebe nach und nach gefrorene Tiere aus der K\u00fchltruhe und gehe meinem Handwerk nach.<br \/>\nSitze in meiner Werkstatt, drau\u00dfen das Rauschen der Stra\u00dfe, klappernde Schritte. Leere M\u00fcdigkeit zwischen den Ohren. Heute vor allem Basisarbeit: Abziehen und Entfleischen, Waschen und Entfetten. Nicht gerade meine Lieblingsbesch\u00e4ftigung, aber gesunde Routine.<\/p>\n<p>Tauwetter.<br \/>\nIn meiner Pause ein wundersames Schauspiel. Sehe zwei Kr\u00e4hen rodeln. Als wollten sie den Winter verabschieden. Den Fr\u00fchling begr\u00fc\u00dfen. Eigentlich zu fr\u00fch, aber da es taut und die Luft mild und w\u00fcrzig riecht und sich die Leute mit offenen Jacken auf den Tischen und St\u00fchlen vor den Caf\u00e9s in der Sonne aalen, werden vielleicht auch die V\u00f6gel \u00fcberm\u00fctig. Auf dem R\u00fccken rollen und rutschen meine Kr\u00e4henfreunde einen kleinen Schneeberg hinab. Immer und immer wieder das gleiche Spiel: kullern hinab und klettern auf den F\u00fc\u00dfen schnellstm\u00f6glich wieder hinauf, nur um sich erneut hinab zu rollen. Einfach aus Freude. V\u00f6llig unsinnig. Spielende V\u00f6gel. Euch werd ich helfen.<br \/>\nIch muss l\u00e4cheln. Fast h\u00fcpft mir mein Herz in der Brust. Das habe ich lange nicht gehabt. Bin gut gelaunt, als h\u00e4tte ich darauf gespart.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mittagstisch beim Italo-Asiaten um die Ecke. Solide und kurios: Spaghetti mit Walnuss und Datteln. Chili, Ingwer, Kreuzk\u00fcmmel. \u00dcberraschend gut. Als ich in meine Stra\u00dfe einbiege, klebt eine Frau mit ihrem Gesicht an der Scheibe meiner Werkstatt, Gesicht nicht zu erkennen, da sie die H\u00e4nde zu beiden Seiten an das Sichtfeld gelegt hat, um hinein zu sehen. Rote Lackschuhe, Strumpfhose, braunes Haar. Rieke?<br \/>\nAls ich nur noch hundert Meter entfernt bin, nimmt sie pl\u00f6tzlich Rei\u00dfaus, dreht sich weg, ohne dass ihr Gesicht auch nur zu erahnen gewesen w\u00e4re und fetzt die Stra\u00dfe hinab.<\/p>\n<p>Fett kann nicht konserviert werden. Schlampige Pr\u00e4parationen riechen nach kurzer Zeit ranzig, dann faulig. Entfettung ist eine Kunst, ein eigenes Handwerk. Wer es nicht beherrscht, sollte Postbote werden.<br \/>\nSMS: \u201eIch habe dich im Blick. Sch\u00f6ne Schuhe. Hast du abgenommen?\u201c<br \/>\nDie Drohung ist immer st\u00e4rker als die Ausf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Anruf von der Frau mit dem Rottweiler. Blasse Stimme, noch immer mitgenommen offenbar.<br \/>\nSie habe sich entschieden. Ob ich noch einmal kommen k\u00f6nne. Aber sicher. Heute noch? Ich z\u00f6gere. Es solle nicht zu meinem Nachteil sein. Ich gucke auf das Thermometer. Sechs Grad plus in der Sonne, das macht den hartgefrorensten K\u00f6ter weich. K\u00f6nne sp\u00e4t werden, sage ich. Kein Problem.<\/p>\n<p>Briefkasten leer. Bin seltsam entt\u00e4uscht. Was ist mit der Geschichte, die er erz\u00e4hlen wollte?<\/p>\n<p>Setze mich vor den Koffer. Schlie\u00dfe die Augen. Stelle ihn mir vor. Sehe einen Behinderten.<br \/>\nBehindert? Sagen wir: beschr\u00e4nkt, einf\u00e4ltig, minderbemittelt. Schei\u00df drauf, sagen wir: behindert. Allein diese Handschrift&#8230; und was f\u00fcr M\u00fcll er schickt!<br \/>\nIch sehe ihn vor mir, diese winzige runde Brille auf der dicken, rotge\u00e4derten Nase. Das Drehdings in der Hosentasche. Er steht sozusagen vor mir. Ein fetter, verwarzter Typ, ich kann ihn riechen in meiner Vorstellung. Talg und Nackenschwei\u00df, die ungewaschenen Haare, lang und splissig. Gro\u00dfe, glubschige Poren, zu lange Fingern\u00e4gel, dunkle R\u00e4nder, spr\u00f6de Lippen. Insgesamt ranzig und feist. Sehe ihn vor mir in Pose: Einen Fu\u00df auf dem Koffer, wie ein Eroberer auf Neuland. D\u00fcmmlich in die Gegend grinsend. Wei\u00df nicht genau warum, aber ich stelle mir diesen Typen als fr\u00f6hlichen Menschen vor. Vielleicht nicht eben gl\u00fccklich, aber fr\u00f6hlich. D\u00fcmmlich l\u00e4chelnd eben. M\u00f6chte so etwas einmal konservieren. Man m\u00fcsste so eine Homunkulus-Wucherung f\u00fcr nachkommende Generationen festhalten.<\/p>\n<p>Nassrasur. Dusche. Elbvororte-Verkleidung. Autofahrt.<br \/>\nEinfahrt. Summen. Dann \u00f6ffnet die Frau. Heute deutlich schneller. L\u00e4cheln im Gesicht. Ein Pferde-M\u00e4dchen, denke ich. Sie war mal ein kleines M\u00e4dchen, das gern Pferde striegelte, St\u00e4lle ausmistete und voltigierte. Tr\u00e4umte von Natur und einsamen W\u00e4ldern. Ein Leben mit zwei G\u00e4ulen, Jahreszeiten und dampfendem Tee. Dann kam ihr ein Leben dazwischen. Heute endlos reich und traurig.<br \/>\nAuf der Terrasse notiere ich mir ihre exakten W\u00fcnsche. Sechs Einzelarbeiten. Wird nicht ganz billig, sage ich. K\u00f6nne etwas dauern, die Auftragslage sei derzeit enorm. Sie gickst, versteckt ihr halbes Gesicht hinter dem viel zu langen, viel zu gro\u00dfen \u00c4rmeln ihres Wollpullovers. \u201eVergessen Sie die anderen Auftr\u00e4ge\u201c, fl\u00fcstert sie in ihre Hand. Das gehe leider nicht, sage ich, obwohl es nat\u00fcrlich geht. Reize nur. Mal sehen, was kommt. \u201eIch m\u00f6chte Sie anstellen f\u00fcr, sagen wir, drei Monate. Ich bin ein guter Arbeitgeber, glauben Sie mir!\u201c<br \/>\nMir fehlen die passenden Worte. Ein Blitzen in ihrem Blick. Das war es, was sie wollte, denke ich noch, dann schnellt ihre Hand hervor, ich nehme sie.<br \/>\n\u201eAlso\u201c, sagt sie, \u201eich sehe, wir sind uns einig?\u201c<br \/>\nIch nicke. Nicke ich wirklich?<br \/>\n\u201eNehmen Sie Aufsichtsrat heute mit, k\u00fcmmern Sie sich gut um ihn. Und dann kommen Sie in den n\u00e4chsten Tagen und wir regeln das Gesch\u00e4ftliche.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tage stummer Arbeit. Geschmeidig bleiben. Nicht abdrehen. Alles ein bisschen viel im Moment. Was mir schon immer geholfen hat: Arbeiten. Dinge tun. Business as usual. Wenn es unruhig wird im Innern, einfach wegschaffen, was eh getan werden muss. Hebe nach &hellip; <a href=\"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=694\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/694"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=694"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/694\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":847,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/694\/revisions\/847"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=694"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=694"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=694"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}