{"id":711,"date":"2014-09-29T15:55:08","date_gmt":"2014-09-29T13:55:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=711"},"modified":"2014-09-30T11:38:23","modified_gmt":"2014-09-30T09:38:23","slug":"zu-hause-bei-mariah-carey","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=711","title":{"rendered":"zu Hause bei Mariah Carey [ 8 ]"},"content":{"rendered":"<p><em>Eine Wiese aus Federn. Schwebend, dar\u00fcber, ein Schwarm gefl\u00fcgelter Karnickel. Zwei Kr\u00f6ten mit Fuchsgebissen thronen auf der Fensterbank, erstarrt in einem Zustand gro\u00dfer Erregung. Solche Tr\u00e4ume sind den Schlaf wert. Fahles Licht f\u00e4llt durch die gefrosteten Fenster, Staubpartikel tanzen zeitlupenartig durch den Raum, eine Erdgeschosswohnung in meinem leerstehenden Wohnblock. Er hat sich festgesetzt als B\u00fchne meiner Landschaftstr\u00e4ume. Faszinierend. Die offene K\u00fcche geht \u00fcber in den Esszimmerbereich, auf dem offen stehenden Herd sitzt eine Katze, angriffsbereit, und l\u00e4chelt mit Menschenz\u00e4hnen.<\/em> Notiere ich mit noch schwachen Fingern, hinter dem Vorhang meiner M\u00fcdigkeit, in das kleine Heft, das neben meiner Matratze liegt. Eines Tages werde ich diese Gem\u00e4lde alle umsetzen. Werde das Haus kaufen, abtauchen und ein schauriges Monument erschaffen. Ziellos. Sinnlos. Verst\u00f6rend und magisch. Kein Mensch wird es verstehen. Ich verstehe es nicht. Es gibt nichts zu verstehen, das gibt es zu verstehen. Man wird den Kopf sch\u00fctteln und manche werden fasziniert sein. Ich werde mit Tierk\u00f6rpern malen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>SMS: \u201eHabe zugenommen. Muss mit dir sprechen. Wirklich.\u201c<\/p>\n<p>Mit meinem dampfenden Kaffeebecher schlurfe ich zur K\u00fchltruhe, \u00f6ffne sie. Sehe mir Aufsichtsrat noch einmal genau an. Die nussbraunen F\u00e4rbungen seines \u00fcberwiegend lackartig schwarzen Fells. Die zugefrorenen Augen. Ein gutes Gebiss f\u00fcr einen alten Hund, die hellrosafarbene Zunge erinnert mich an Babys und frisch gestrichene Kinderzimmer. Ich verstehe den Witz seines Namens nicht. Und wie hat sie ihn wohl gerufen? Ich hatte als Junge selber mal einen Hund: Hundenamen m\u00fcssen immer zweisilbig sein, sonst kann man sie nicht gut rufen. Man ruft seinen Hund zweisilbig. Karl, zum Beispiel, das w\u00e4re zu kurz. Rufenderweise w\u00fcrde man Ka-harl daraus machen, zwei Silben. Auf-sichts-rat! Hat sie das im Park einmal quer \u00fcber die Wiese gebr\u00fcllt? Was haben die Leute gedacht? Sie wird \u201eAuf-sicht\u201c gerufen haben, vielleicht.<br \/>\nJetzt liegend, steifgefroren in seiner vorletzten Pose, so wie er gestorben ist.<br \/>\nIch schlie\u00dfe die Truhe.<br \/>\nFestanstellung f\u00fcr einen Hund? Bin ich k\u00e4uflich? Nat\u00fcrlich. Alles eine Frage des Preises. Zwei, drei Auftr\u00e4ge m\u00fcsste ich noch erledigen, der Rest lie\u00dfe sich relativ problemlos verschieben. Nur die Frage, was das soll. Aber was auch immer sie vorhat, kann mir am Ende schei\u00dfegal sein. Sie stellt einen Handwerker ein. Und w\u00e4re ich ihr Fliesenleger, w\u00fcrde ich ihr Fliesen verlegen und es w\u00e4re mir vollkommen schei\u00dfegal, ob mir die Fliesen gefallen oder nicht. Ich erledige meine Arbeit, nehme ihr Geld. Was ich mir \u00fcberlegen sollte, ist mein Preis. Unter diesen Umst\u00e4nden sollte ich pokern. Vielleicht ist so etwas, so jemand, so eine Situation eine einmalige Gelegenheit: Meine Tr\u00e4ume zu malen wird ohne Geld nie m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p>Wie kann man eigentlich seinen Briefkasten sperren? Kann man zur Post gehen oder zur Polizei und sagen: Eine bestimmte Sorte von Briefen (zum Beispiel solche ohne Absender) nehme ich nicht mehr an, ich m\u00f6chte diese Lieferungen nicht mehr erhalten? Einen Spamfilter f\u00fcr die Snailmail?<br \/>\nDieser debile Penner kann mir doch nicht einfach seinen rumpeligen Keller in tausend P\u00e4ckchen schicken. Puzzle aus M\u00fcll.<\/p>\n<p>Das Leben ist zu kurz, um eine sich bietende Gelegenheit auszulassen.<br \/>\nEines Tages, ich war sechzehn, zwei Wochen nachdem der Berufsberater bei uns an der Schule war, kam mir beim Fernsehen diese Idee. Und wer wei\u00df schon, wie viele gute Ideen einem so kommen. Ich bin nie einer gewesen, der lang fackelt. Ich wei\u00df noch, habe MTV geguckt, eine Schei\u00dfsendung, \u201eZuhause bei Maria Carey\u201c. Sie zeigte ihren Pool, ihre acht Schlafzimmer, das Privatkino und das Schuhzimmer, was gr\u00f6\u00dfer als meine gesamte Wohnung war. Ich wei\u00df noch, \u00fcber 5000 Paar Schuhe und Mariah Carey redete davon, dass sie als kleines M\u00e4dchen davon getr\u00e4umt habe, so viele Schuhe zu besitzen und jetzt &#8230; Ach. Da kamen ihr die Tr\u00e4nen und sie dr\u00fcckte den Chihuahua, den sie die ganze Zeit auf dem Arm trug, an ihr Gesicht. Was Menschen f\u00fcr Tr\u00e4ume haben &#8230; Ich dachte: Wenn ihr bl\u00f6der Million\u00e4rs- Chihuahua stirbt, dann brennts in ihrem rosa Schl\u00f6sschen. Und da, in diesem Moment, fiel der Groschen, h\u00f6rte ich es l\u00e4uten, da klingelte die Kasse. Ich dachte: Ich stopfe ihn ihr aus und zum Dank schenkt sie mir eine Million Dollar.<br \/>\nJa, ich hatte gekifft. Aber die Idee war auch am n\u00e4chsten Morgen noch gut. Also habe ich direkt nach den Ferien eine Ausbildung zum Pr\u00e4parator begonnen.<br \/>\nF\u00fcr Mariah Carey habe ich nicht gearbeitet und Million\u00e4r bin ich noch nicht. Aber ich habe eine Eigentumswohnung und ein Auto, mit dem ich, ohne unangenehm aufzufallen, in den Elbvororten tote Tiere einsammeln fahren kann. Ich arbeite viel, aber nicht \u00fcbertrieben viel. Die Wirtschaft mag in der Krise sein, meine Auftragslage wird jedes Jahr besser. Habe die Preise in den letzten vier Jahren verdreifacht. <em>Tierpr\u00e4parator!<\/em>, haben sie alle gerufen.<br \/>\nJa, sage ich. Das bin ich geworden.<\/p>\n<p>Fahre mit der Bahn Richtung Rieke. Sonnenuntergang. Wirbelnde Schatten, als wir durch die Waldschneise fahren.<br \/>\nHalbes H\u00e4hnchen auf dem Supermarkt-Parkplatz zwischen Haltestelle und Wohnblock. Diese Mischung aus Ekel und Genuss wie bei sonst nichts: die fettige, knusprige Haut vom Tier zu ziehen, mir in den Mund zu stopfen, die Finger zu lecken, das Fleisch vom Knochen zu nagen. Und im Kopf die Bilder aus den perversen Massenst\u00e4llen.<br \/>\nHocke auf der Mauer des Parkhauses neben ihrem rechteckigen Hausblock, f\u00fchle mich wie ein H\u00f6hlenmensch, schmatzend, das Huhn zerteilend.<br \/>\nBin ich in irgendeiner Weise gef\u00e4hrlich?<br \/>\nK\u00f6nnte ich es sein?<br \/>\nWerfe kleine Steine nach ihrem Fenster im dritten Stock. Treffe nicht. Warte, bis sie das Licht im Schlafzimmer ausmacht. In der K\u00fcche brennt noch Licht.<br \/>\nIch gehe zur\u00fcck zur Bahn. Tippe: \u201eIn der K\u00fcche brennt noch Licht.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Wiese aus Federn. Schwebend, dar\u00fcber, ein Schwarm gefl\u00fcgelter Karnickel. Zwei Kr\u00f6ten mit Fuchsgebissen thronen auf der Fensterbank, erstarrt in einem Zustand gro\u00dfer Erregung. Solche Tr\u00e4ume sind den Schlaf wert. 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