{"id":732,"date":"2014-09-29T15:52:32","date_gmt":"2014-09-29T13:52:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=732"},"modified":"2014-09-30T11:39:28","modified_gmt":"2014-09-30T09:39:28","slug":"husten-im-himmel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=732","title":{"rendered":"Husten im Himmel [ 11 ]"},"content":{"rendered":"<p>Elf verpasste Anrufe.<\/p>\n<p><em>&#8211; Gerben.<\/em><br \/>\n<em>&#8211; Skelettieren<\/em><br \/>\n<em>&#8211; m\u00f6glichst alle Sehnen konservieren.<\/em> (?)<br \/>\n<em>&#8211; Schnauze, Zunge, Sohlen, Hoden, Schwellk\u00f6rper, Krallen bestm\u00f6glich konservieren.<\/em><br \/>\n<em>&#8211; Aufsichtsrats Herz. Konserviert und aufbereitet.<\/em><br \/>\n(Sie d\u00e4chte an eine so eben das Herz fassende, mundgeblasene Glas-Amphore, doppelkonkav und beleuchtet, Fu\u00df aus Waschbeton. \u201eSo etwa, Sie wissen schon &#8230;\u201c<br \/>\nIch sagte ihr, dass ich nicht wisse und dass das nun wirklich nicht meine Aufgabe sei und sie sagte: \u201eSie m\u00fcssen das projektorientierter betrachten\u201c, und legte mir die Hand auf den Unterarm. \u201cSie sind Case-Manager. F\u00fcr mich betreuen Sie Projekte, Sie liefern ein Endprodukt ab, f\u00fcr dessen Qualit\u00e4t Sie letztendlich verantwortlich sind und f\u00fchren nicht nur einen einzelnen Schritt aus, verstehen Sie? Das k\u00f6nnen Sie, ich sp\u00fcre das.\u201c)<br \/>\n<em>&#8211; Reste verbrennen, handgeschnitzte Urne aus Kirschholz<\/em><br \/>\n(\u201eUnd keine Pr\u00e4paration?\u201c, hatte ich gefragt. Das genau sei mein Fachgebiet, meine besondere F\u00e4higkeit. Aber sie sch\u00fcttelte den Kopf und l\u00e4chelte. Ich sah, dass ihre Vorderz\u00e4hne etwas zu gro\u00df waren f\u00fcr ihr kleines, d\u00fcnnes Gesicht. Der von mir aus rechte war noch einen Tick l\u00e4nger als der linke und \u00fcberdeckte diesen leicht schr\u00e4g. Ich wei\u00df noch, dass mich das wunderte: so eine Frau, mit all diesen M\u00f6glichkeiten, in dieser Umgebung, die sich nicht dental optimieren l\u00e4sst. Eher selten.)<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich skelettiere viel zu selten. Skelette sind nicht sehr gefragt. Warum eigentlich?<br \/>\nNormalerweise zieht man die Haut ab, vermisst den Kern, das Fleisch, und dann kommt alles Innere in den M\u00fcll. Ohne konkreten Auftrag macht man sich diese ganze Arbeit einfach nicht: Die Knochen zu entfleischen, sie dann in flie\u00dfendem Wasser tagelang zu entbluten, anschlie\u00dfend zu kochen mit ein bisschen Soda, bis sich alle Sehnen, alles Fleisch abl\u00f6sen l\u00e4sst. Dann die Entfettung mit Petrolbenzin. Dann die Bleiche, die tagelang einziehen muss.<br \/>\nAbbau. Aufbau. Es ist, wie wenn fr\u00fcher Vater das Motorrad in seine Einzelteile zerlegt, gereinigt und wieder zusammengebaut hat. Und wie jedes mal drei Schrauben \u00fcbrig blieben, bleibt immer auch der ein oder andere Knochen zur\u00fcck. Dann Fixierung und Pose. Draht, Kunststoff. Das Aufstellen.<\/p>\n<p>SMS: \u201eEs ist mein Ernst. Ich muss dich sprechen. Bitte, ruf zur\u00fcck. K\u00f6nnen wir uns treffen?\u201c<br \/>\nZwei Minuten sp\u00e4ter noch eine SMS: \u201eWas sollte das mit dem Licht? Hast du mich beobachtet? Hast du nicht mal genug Mut zu klingeln?\u201c<\/p>\n<p>Nicht heute und nicht morgen werde ich zu Aufsichtsrats Frauchen gehen. Ich werde mich nicht vor<br \/>\nEnde der Woche bei ihr melden, dann mit einem Kostenvoranschlag.<br \/>\nSie will spielen?<br \/>\nSoll sie warten.<br \/>\nBis ich die Spiele er\u00f6ffne.<br \/>\nIch habe ihren so wertvollen Tierkadaver. Joker.<br \/>\nUrne? Glas-Amphore? Ich bin nicht ihr H\u00fcndchen. Ich hab einfach keinen Bock, mich mit solchem Schei\u00df zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Liegt ein Gewitter in der Luft.<\/p>\n<p>Und Rieke? Sowas von egal. Was kann schon sein? Sie braucht Geld. Ihre mickrigen Vorr\u00e4te sind aufgebraucht. Der Stoff geht ihr zu Ende. Und jetzt kriegt sie es mit der Angst zu tun. Nicht l\u00e4nger mein Problem. Soll sie anschaffen gehen. Schwesterherz.<br \/>\nIch gehe in den Hof und f\u00fchle den Sturm aufkommen. Laufe Richtung Gymnasium. Unter den alten Wellblechd\u00e4chern \u00fcber den Fahrradst\u00e4ndern will ich stehen und mir die Lunge blau rauchen, wenn das Gewitter endlich kommt.<br \/>\nTippe: \u201eIch kann dich nicht sehen. Ertrage es nicht.\u201c<br \/>\nZiehe die Flasche Rotwein aus der Tasche. Zigarette Nummer zwei. Da blitzt es zum ersten Mal.<br \/>\nWie muss man eigentlich drauf sein, wenn man sich seinen ganzen Hund erhalten l\u00e4sst? Ich meine: wie kommt man auf die Idee und welchen Reiz befriedigt das? Ich sollte mich nicht damit besch\u00e4ftigen, normalerweise tue ich das auch nicht, aber diese Frau &#8230;<br \/>\nDer Donner ist noch weit entfernt. Z\u00e4hle bis zweiundvierzig.<br \/>\nTippe: \u201eWei\u00dft du noch, als ich dich ins Krankenhaus getragen habe? Sie haben dir den Zeh abgemacht und du hast so geweint. Ich habe dir geschworen, dass du nie wieder so weinen sollst und dass ich daf\u00fcr sorgen werde. Weil du meine Schwester bist. Und du hast \u201eja\u201c gesagt. &#8218;Wir zwei, f\u00fcr immer&#8216;, weil wir zusammen geh\u00f6ren. &#8218;, hast du gesagt, &#8218;auch wenn alle Zehen gehen, weil du mein Bruder bist.&#8216; Das wei\u00df ich noch genau.\u201c<br \/>\nIm Himmel wogt das Schwarzblau. Dann zerrei\u00dft ein Blitz die Dunkelheit. Eine riesige helle Wurzel w\u00e4chst von oben hinein, Wind. Das schwere, bronchiale Krachen. Dann klatschen die ersten schweren Tropfen herab. Zerplatzen fett und \u00f6lig auf dem Boden, heben leise an zum Wirbel \u00fcber mir. Rotwein. Zigarette. Ein ohrenbet\u00e4ubendes Trommeln auf dem zw\u00f6lf Meter langen Dach. K\u00f6nnte heulen vor Gl\u00fcck. Blutwein. Krebsrauch. Ich lebe.<br \/>\nTippe: \u201eHast du es mal mit Heroin versucht? Soll schneller gehen.\u201c<\/p>\n<p>Nach dem Gewitter diese Stille. Eine andere Stille als davor. Gr\u00f6\u00dfer. Mitten hinein schmei\u00dfe ich die Flasche aus drei\u00dfig Metern gegen das Schultor. Treffe. Und die Flasche zerplatzt in unz\u00e4hlige Teile. Ein kleines, schepperndes Klirren, kurz und glockenhaft gegen das Husten des Himmels. Witzig. Laufe zur\u00fcck.<br \/>\nKaufe im Supermarkt Sushi und mehr Wein. Die kleinen Reisrollen mit Fischfetzen und Avocado auf dem Warenband. Ich denke \u00fcber Kunst nach. Bite-sized Kunst. Lache laut. Der Kassierer guckt, als h\u00e4tte ich gefurzt.<br \/>\nAndere Frage: Macht es sie erpressbar?<br \/>\nAngenommen, ich ginge allein mit dieser Liste ihrer W\u00fcnsche, Aufsichtsrat betreffend, an die Presse beziehungsweise drohte damit &#8230; Was w\u00e4re es ihr wert, das zu verhindern? Und das ist ja nur, was sie mir auf den allerersten Metern anvertraut hat. Was lie\u00dfe sich in drei Monaten finden?<br \/>\nIrgendwas juckt.<\/p>\n<p>Es gibt Schlimmeres.<br \/>\nAlle diese Tiere in meiner Werkstatt sterben nicht, weil ich sie ausstopfen will. Ich stopfe sie aus, weil sie gestorben sind. Jedenfalls die allerallermeisten. Und fast alle Tiere, die ich mache, sterben reicher als f\u00fcnfundneunzig Prozent der Menschheit. Kein Witz: die meisten an Herzverfettung. Ihre kleinen Herzbeutel sehen aus wie Krapfen, glasiert.<br \/>\nWieder ist die Evolution zu langsam. Reagiert nicht schnell genug auf die extreme Anpassung zwergw\u00fcchsiger W\u00f6lfe an den Homo Sapiens. Wenn man es von etwas weiter entfernt sieht, ist es auf eine putzige Art gruselig, oder?<br \/>\nKunst. So gesehen, bin ich ein Chronist: ich schaffe ironische Abbilder unserer Gesellschaft, unserer Zeit. Ein Gruselkabinett, das man in schon zweihundert Jahren mit Kopfsch\u00fctteln betrachten wird. Was wird man in tausend Jahren denken \u00fcber diese Zeit, wenn das, was bliebe, meine Tiere w\u00e4ren? W\u00fcrde man mich verstehen, wie ich hier augenzwinkernd kommentiere?<br \/>\nAbbilder der Welt fabriziere. Wahrhaftig und gr\u00e4\u00dflich. Dokumentarisch, aber nie ergeben. Skulpturen aus den Schlafzimmern der wohlhabenden Welt. Aus den Wohnlandschaften der M\u00e4chtigen gefischte Wesen. Konserviert. Ewig gemacht. Bild gehauen. Bild gebaut.<\/p>\n<p>Sie wird mir 5 bis 7 tausend netto anbieten, pro Monat. Plus Material. Sie wird etwa f\u00fcnf Mal so viel wie f\u00fcr ihren G\u00e4rtner bieten, sch\u00e4tze ich. So wird sie das messen. Der G\u00e4rtner ist ihr Ma\u00dfstab. Ein Handwerker, ein ausgefallenes Gewerbe, ein ihr sehr wichtiger Auftrag. Sensibel.<br \/>\nIch werde sagen: Festpreis 20 000!<br \/>\nNein, schei\u00df drauf: 25!<br \/>\nUnd unabh\u00e4ngig bleiben. Ich arbeite in meinem Tempo, kein Chef, der Laden bleibt geschlossen, wenn ich gesoffen habe.<\/p>\n<p>Tippe: \u201e<em>Ich<\/em> treffe <em>dich<\/em>. Wann ich will. Und wo ich will. Wenn ich will.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elf verpasste Anrufe. &#8211; Gerben. &#8211; Skelettieren &#8211; m\u00f6glichst alle Sehnen konservieren. (?) &#8211; Schnauze, Zunge, Sohlen, Hoden, Schwellk\u00f6rper, Krallen bestm\u00f6glich konservieren. &#8211; Aufsichtsrats Herz. Konserviert und aufbereitet. 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