{"id":772,"date":"2014-09-29T15:44:42","date_gmt":"2014-09-29T13:44:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=772"},"modified":"2014-09-30T11:43:21","modified_gmt":"2014-09-30T09:43:21","slug":"bonuslevel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=772","title":{"rendered":"Bonuslevel [ 19 ]"},"content":{"rendered":"<p>Lohmann ruft an. Treffen uns beim Asiaten. Er macht immer so eine Geheime-\u00dcbergabe-Nummer daraus. Schiebt mir irgendwann die raschelnde Papiert\u00fcte \u00fcber den Tisch. Muss kurz und halblaut lachen. Lohmann sieht sich um, schockiert. Das k\u00f6nne ihn seinen Job kosten. Jaja, sage ich, &#8218;tschuldigung, zu viel Sake. Bestelle Whiskey. Ich mache die T\u00fcte auf und gucke rein. Lohmann r\u00e4uspert sich und macht dicke Augen. Als ob jetzt ein Sondereinsatzkommando reinst\u00fcrmen w\u00fcrde, um mir meine bunte T\u00fcte aus den H\u00e4nden zu rei\u00dfen und Lohmann an die Wand zu stellen. \u201cAlter, danke f\u00fcr die Lakritzschnecken\u201d, sage ich. Lohmann grinst wie ein dummer Spast. \u201cIch muss mal kacken\u201d, sage ich und verschwinde mit dem Eierbecher voll Sake im Klo. Dr\u00fccke mir zwei winzige wei\u00dfe und eine blaue Pille in die Hand, sp\u00fcle sie mit Sake runter, gucke auf die Uhr. 21:44. Zehn nach zehn, sch\u00e4tze ich, gehts los. Als ich zur\u00fcck komme, steht Lohmann schon in Jacke vor dem Tisch und tippelt von einem Fu\u00df auf den anderen. \u201cSetz dich, der Whiskey\u201d, schnarre ich. Lohmann setzt sich, \u201cDu hast nicht\u2026\u201d, sagt er. \u201cWas ist was?\u201d, frage ich.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich bin in einem Computerspiel. Tunnel, G\u00e4nge, Hindernisse. Zauberhaft animierte 2D-Welt. Nichts von alldem hinterl\u00e4sst einen Eindruck auf der Haut. Nichts ber\u00fchrt die Sinne. Ausgenommen: Augen. Licht pr\u00fcgelt mir ins Hirn. Als ich an einem Spiegel vorbeigleite, sehe ich meine komplett schwarzen Reptilienaugen. Alle Kl\u00e4nge dumpfes Mampfen. Alle Gedanken und Gef\u00fchle, die jemals in mir herumwaberten, stehen wie Kaffeetassen vor mir in einem gutsortierten Schrank. Ordentlich aufgereiht, ich kann sie herausnehmen und in den H\u00e4nden halten, auf den Boden werfen oder aussp\u00fclen. Abstrakt, k\u00fchl, glatt. Auf der Stra\u00dfe Schaum aus waberndem Nichts. In nicht mal hundertf\u00fcnfzig Jahren sind alle Menschen, die jetzt leben, Kriege f\u00fchren, lieben, erfinden, l\u00fcgen, bauen, forschen, vergewaltigen oder Schuhe verkaufen, ausnahmslos tot. Keiner mehr da aus dem Jetzt, um das wir uns alle drehen. Durch meine Reptilienaugen betrachtet besteht die Welt aus d\u00e4mlichen Adventures. Nehme, dr\u00fccke, ziehe. Laufe diese Stra\u00dfe entlang, kaufe ein Eis, es macht dich schneller. Piss in den Gulli und bieg um die Ecke. Gummischritte, Leute glotzen, Kinder lachen. Ich bin schneller als alle. Finde den Hauseingang. Hole den Schl\u00fcsselbund aus deinem Inventar. Benutze Schl\u00fcsselbund mit Haust\u00fcr. Fail. Warte hier, bis jemand die T\u00fcr \u00f6ffnet und gleite dann hinein. Sei ein Agent, sei unauff\u00e4llig. Warte im Busch. Dann steht ein brummendes M\u00e4nnchen vor mir. Brummt es? Br\u00fcllt es? Welche Sprache spricht das M\u00e4nnchen? Gegner oder Freund? Benutze Mund mit M\u00e4nnchen, starte Konversation. Zunge versagt. Liegt als tauber Klumpen im Maul. Ich kaue, bis ich Blut schmecke. M\u00e4nnchen hebt H\u00e4nde und verschwindet im Hauseingang. Check. Gleite hinterher. Treppen hoch. Letzte Treppe auslassen und au\u00dfen am Treppengel\u00e4nder entlangklettern: Bonuslevel. Dann Wohnungst\u00fcr. Benutze Schl\u00fcsselbund mit Wohnungst\u00fcr. Fail. Benutze Kreditkarte mit Wohnungst\u00fcr. Fail. Benutze Fu\u00df mit Wohnungst\u00fcr. Und nochmal. Und nochmal. Check.<br \/>\nSitze \u00fcbergangslos als Eidechse auf dem K\u00fcchentisch und schnappe nach Fruchtfliegen. Zunge pl\u00f6tzlich hochelastisch. Der einzig bewegliche K\u00f6rperteil. Schnitt. K\u00fchlschrank: Entkorke Wei\u00dfwein, benutze ihn mit Mund. K\u00e4se, Wurst, Joghurt. Muss lachen. Weil ich mich pl\u00f6tzlich vom Pluto aus hier stehen sehe, als zugedr\u00f6hntes Eichh\u00f6rnchen. Meine Eidechsenzunge f\u00e4hrt Karussell im Joghurtbecher. Wo bin ich eigentlich?<br \/>\nSchnitt: Schwebe durch die zweieinhalb Zimmer. Erkenne das Bett, die Bilder, Fotos an den W\u00e4nden. Komisches Gef\u00fchl: Erkenne alles. Wie Buchstaben. Schon mal gesehen. Die immergleichen drei\u00dfig Buchstaben, die immer neues ergeben. Dann h\u00e4mmert mein K\u00f6rper meinen Kopf gegen einen Holzschrank, vielleicht f\u00fcnf Minuten lang. Im Fenster erkenne ich das Blut an der Stirn, Joghurt und Milchflecken auf meinem Pullover, aus meinem Eidechsenmaul tropft ebenfalls Blut. Das also bin ich? Wo ist eigentlich Lohmann? Ich lege mich in ein Arbeitszimmer und baue mir eine H\u00f6hle aus B\u00fcchern. Ein Haus. Ein Palast. Ich schwebe und die B\u00fccher tanzen.<br \/>\nSchnitt.<\/p>\n<p>Keine Ahnung, wie sp\u00e4t es ist. Rieke und zwei Polizisten stehen vor mir. Auf meinem Bauch und auf meinem Kopf liegen ein paar Zeitungen und B\u00fccher. Ich sp\u00fcre einen gro\u00dfen blauen Schmerz in meinem Mund und habe ein Gef\u00fchl in der Brust, als h\u00e4tte jemand mich mit einem stumpfen L\u00f6ffel ausgeh\u00f6hlt. Ich habe Kopfschmerzen, rostbraunen Schorf an der Stirn.<br \/>\n\u201cSchon gut\u201d, sagt Rieke. \u201cDanke, dass Sie gekommen sind. Das ist mein Bruder, kein Einbruch. Gehen wir in die K\u00fcche \u2026\u201d<br \/>\nStunden vergehen oder Minuten. Ich kann mich nicht bewegen. Lohmann, der alte Hexenmeister. Pharmazeuten sind die wahren Propheten. Zwanzig, drei\u00dfig Jahre noch, plus ein bisschen Neurobiologie und wir alle k\u00f6nnen unsere Hirne zusammenschalten. Ein einziges gro\u00dfes Hirn. Das Ende aller Schmerzen. Das Ende aller qu\u00e4lenden Fragen. Nur noch euphorische Liebe (oder was immer du willst). Nie war es mir so klar wie jetzt, wo ich in meiner eigenen Kotze liege. Beulen, Kratzer, Blut. Ein Unwetter im Pansen. Drei winzige Pillen, wahllos herausgepickt, weniger als 0,0001 Prozent meines K\u00f6rpergewichts. Ich war im Universum, ich war ein Reptil, ich war ein Computerspiel. Alles geht. Alles. Ich warte sehns\u00fcchtig.<br \/>\n\u201cLoris\u201d, sagt Rieke. \u201cDa bist du.\u201d<br \/>\nSie kommt mir n\u00e4her und sieht sich um, hebt die Schultern, Tr\u00e4nen in den Augen, fragt: \u201cWarum?\u201d<br \/>\nMeine Zunge ist so zerkaut, f\u00fchlt sich an, als w\u00e4re eine Herde Pferde dar\u00fcber galoppiert.<br \/>\n\u201cWarum hast du alles kaputt gemacht?\u201d<br \/>\nUnd da muss ich lachen, nicht nur ein bisschen, sondern tieftief aus meinem Inneren. Und wie ich mich so br\u00fcllen h\u00f6re, denke ich, dass ich zur\u00fcck bin in mir selbst. Ich lache. Ich. Aha.<br \/>\nIch taste nach meiner Hosentasche, finde Lohmanns bunte T\u00fcte, ziehe sie vor und werfe sie Rieke hin.<br \/>\n\u201cIch habe alles kaputt gemacht, ja?\u201d<br \/>\n\u201cDie T\u00fcr, die K\u00fcche verw\u00fcstet, das Bett eingepisst\u2026\u201d<br \/>\n\u201cDich hab ich noch nicht kaputt gemacht-\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lohmann ruft an. 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