{"id":790,"date":"2014-09-29T15:41:21","date_gmt":"2014-09-29T13:41:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=790"},"modified":"2014-09-30T11:44:18","modified_gmt":"2014-09-30T09:44:18","slug":"freies-europa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=790","title":{"rendered":"Freies Europa [ 22 ]"},"content":{"rendered":"<p>Als ich zweiundzwanzig war, habe ich innerhalb von ein paar Monaten so viel Geld verdient, dass ich mein Gesch\u00e4ft er\u00f6ffnen konnte. Die R\u00e4ume anmieten, meine Werkstatt einrichten. Ich hatte einen F\u00fchrerschein und Europa war offen, die Grenzen wurden nur stichprobenartig kontrolliert. Ich machte ein paar Kurierfahrten, insgesamt vielleicht acht oder neun. Kutschierte in unauff\u00e4lligen Autos auff\u00e4llige Mengen illegaler Substanzen von Rotterdam nach Wien, von Frankfurt nach Paris, von D\u00fcsseldorf nach Madrid und so weiter. Sch\u00f6ne, lange, einsame Fahrten. Bin nicht erwischt worden und habe \u00fcber zwanzig tausend Euro verdient. Es lebe Europa.<br \/>\nSeitdem unabh\u00e4ngig und frei. Ich kann machen, was und wann ich will. Die Werkstatt lief nicht sofort, nat\u00fcrlich nicht, aber es ging auch nie ums \u00dcberleben. Hatte schnell kleine Auftr\u00e4ge an Land gezogen, einen kleinen Shop betrieben, Kuriosit\u00e4ten-Kabinett. Lief nicht blendend, aber immer so, dass ich mich \u00fcber Wasser halten konnte. Und ich hatte einen Plan, wusste, wohin ich wollte. Ich musste nur irgendwo den Fu\u00df in die T\u00fcr bekommen. Eine Hand voll gr\u00f6\u00dferer Auftr\u00e4ge, ein paar Kunden mit Strahlkraft, Leute, die, h\u00e4tten sie erstmal ein paar Tierskulpturen in den Eingangsbereichen ihrer Anwesen, Inspiration w\u00e4ren f\u00fcr andere. Adel, Wirtschaft, Promis. Josef Ackermann, Boris Becker, Mariah Carey. Pudel und Grizzleys. Warum sollte ich jetzt, wo alles l\u00e4uft, diese Freiheit aufgeben? Das einzige, das h\u00e4lt, ausgerechnet?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Alles l\u00f6st sich auf. Familie, Geschichte, meine Geschichte, Gef\u00fchle, die ich begriffen zu haben glaubte, sie l\u00f6sen sich auf. Nur um wieder das zu werden, was sie einmal waren, Worte mit lexikalischer Bedeutung. Tassen mit kleinen Griffen, die man aus dem Schrank nehmen und auf den Tisch stellen kann, um darin hei\u00dfes Wasser zu beherbergen und mehr nicht. Rieke hatte mir ein paar dieser Tassen beigebracht, sie mir erkl\u00e4rt, wortlos, sie mir auf die Brust gestellt und langsam in mich einsickern lassen. Tagelang, wochenlang, jahrelang, ihre kleine Hand auf meinem Bauch, ihr Puls in meinem Ohr, sie lag und l\u00e4chelte, weinte, streichelte, brachte mir das F\u00fchlen bei, als g\u00e4be es so etwas wirklich. Jetzt, wo ein Gef\u00fchl wieder eine Tasse ist und meine Seele ein K\u00fcchenregal und nur meine Arbeit noch meine Arbeit ist, warum sollte ich mich ausgerechnet jetzt verkaufen. Mich, meine Arbeit.<br \/>\nWeil es juckt?<br \/>\nNur weil es juckt.<br \/>\nWeil ein m\u00e4dchenhaftes, gickerndes Wesen in s\u00fcndhaft teuren sackartigen Wollgew\u00e4ndern vor mir durch ihre Parkanlage h\u00fcpft und vage Versprechungen von sich gibt. Seltsame Blicke in den Tag streicht. Geheimnisvoll tut. Mir Tr\u00e4ume unterstellt. Nur weil sie damit Recht hat?<br \/>\nVielleicht.<br \/>\nJa.<br \/>\nEs w\u00e4re das einzige, was noch zu verlieren w\u00e4re.<br \/>\nAber macht es das kostbarer?<br \/>\nVielleicht, damit endlich etwas auf dem Spiel st\u00fcnde.<br \/>\nVielleicht, damit ich endlich ein Spiel spielte.<br \/>\nSpielen. Endlich Spielen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich zweiundzwanzig war, habe ich innerhalb von ein paar Monaten so viel Geld verdient, dass ich mein Gesch\u00e4ft er\u00f6ffnen konnte. Die R\u00e4ume anmieten, meine Werkstatt einrichten. 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