{"id":811,"date":"2014-09-29T15:39:11","date_gmt":"2014-09-29T13:39:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=811"},"modified":"2014-09-30T11:44:52","modified_gmt":"2014-09-30T09:44:52","slug":"der-riekekern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=811","title":{"rendered":"Der Riekekern [ 24 ]"},"content":{"rendered":"<p>Koche Haferflocken in Milch, Zucker und Zimt. Auf diese Weise begonnene Tage k\u00f6nnten gelingen, denke ich und r\u00fchre. Projekt: gelungenes Leben. Warum eigentlich nicht? Man muss gar nicht auf Selbstzerst\u00f6rung laufen, nur weil man das Gef\u00fchl hat, die Welt h\u00e4tte sich gegen einen verschworen. Ist nur mittelm\u00e4\u00dfig logisch, sich selbst zu schw\u00e4chen, bevor man in den Kampf zieht. Eine halbe Schachtel Zigaretten und Rotwein zum Fr\u00fchst\u00fcck, das geht. Und kann witzig sein. Aber im besten Falle f\u00fcr drei oder vier Stunden. Porridge kann langweilig sein und nach \u00fcberstandener Kindheit schmecken, aber man bekommt keinen ergiebigen, br\u00f6ckelig gelben Husten davon und keine bohrenden Kopfschmerzen. Vier verpasste Anrufe. Vier Mal Rieke. Ich war einfach aufgestanden und gegangen. Hatte sie mit ihrer zertretenen, zerrissenen, vollgepissten Wohnung allein gelassen. Mein schlechtes Gewissen gro\u00df wie ein M\u00fcckenbein, eine kichernde Erinnerung an einen z\u00fcgellosen Nachmittag. Hatte mir am Abend noch \u00fcberlegt, wann ich das mal wiederholen w\u00fcrde. Vielleicht sollte es eine feste Einrichtung werden: einmal alle zwei Wochen meine Schwester besuchen. Ihr einen Besuch abstatten. Nein, nicht ihr, ihrer Wohnung. Sie zerleben. Rieke die Aufmerksamkeit geben, die ich ihr einst versprochen hatte. Ich w\u00fcrde mich immer um sie k\u00fcmmern. Mich k\u00fcmmern. Das wollte ich. Und das werde ich. Ihre Nachricht: \u201cLoris, ich bin dir nicht b\u00f6se. Ich verstehe deine Wut. Kannst du bitte mit mir sprechen. Ich brauche deine Hilfe. Dringend. Es ist wichtig.\u201d Ich bin nicht einfach einer, so wie andere.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Rieke zum Beispiel, die einfach Rieke ist, die nicht anders kann, als Rieke zu sein, die von Anfang an immer schon Rieke war, nie anders. Kleine hilflose Babyrieke, Kleinkindrieke und Jungefraurieke, aber immer Rieke. Wie etwas, das schon mit sich selbst geschl\u00fcpft ist, mit einem unver\u00e4nderlichen Kern, einem Riekekern, der sich in dieser Welt nur noch auswachsen, zurechtwachsen musste. Rieke macht alles immer auf ihre Art, sie k\u00f6nnte niemals Sachen machen, die Rieke eben nicht macht. Sie k\u00f6nnte kein Fleisch mehr essen, sie k\u00f6nnte nicht stehlen, nicht morden, sie kann sich nicht au\u00dferhalb ihrer Selbst denken. Sie w\u00fcrde es nie lernen, beim Essen nicht zu kleckern und zu kr\u00fcmeln. Ich habe keinen solchen Kern. Ich bin nicht ich. Ich bin nur ein Projekt. Ich kann alles machen. Dramatisch gesehen: ich bin zu allem f\u00e4hig. Alles ist denkbar, alles w\u00e4re m\u00f6glich. Nicht, dass es keine gelernten Koordinaten g\u00e4be, Regeln, die ich verinnerlicht habe, aber nichts w\u00e4re von meinem Innersten her und von vornherein ausgeschlossen. Das Projekt ist ein kompliziertes System aus Erfahrungen, genetischer Disposition, Instinkten, sozialer Pr\u00e4gung, Umwelteinfl\u00fcssen und Zufall. Es hat keinen Sinn, kein Ziel (Selbsterhaltung, naja), es existiert einfach. Vielleicht w\u00fcrde ich mich deshalb nicht f\u00fcr mich interessieren: Weil ich nicht bin. Ich sende nicht, strahle nicht, leuchte nicht. Ich schlucke und absorbiere. Verdaue. Geschichten, Menschen, Erfahrungen. Ich sauge sie auf, ich akkumuliere, aber ich bleibe ein Mosaik, die Teile setzen sich nicht zusammen zu einem Ganzen, zum Ich, zu mir. Wer einen Kern hat, der kann Erfahrungen einsammeln und sich gem\u00fctlich von Innen her sein Ich damit tapezieren, ich kann nur aufkleben von au\u00dfen, mir Eigenschaften angew\u00f6hnen, Gesichter anheften, mich verkleiden als einer. So sein. Mich durchmogeln und Projekte machen. Sich bietende Gelegenheiten nutzen. Was sonst? Ich setze mich einfach nicht zusammen, bin aber nunmal hier. Esse den warmen, s\u00fc\u00dfen Brei. Trinke den Tee. Sch\u00e4le das Obst. Dann doch Kaffee. Dann doch Zigaretten (zwei). Aber keinen Wein. Tippe: \u201cJa.\u201d L\u00f6sche. Tippe: \u201cNein.\u201d L\u00f6sche. Finger zittern. Schimmern bl\u00e4ulich kalt. Habe keine Hose, keine Socken an. \u00d6ffne den Ofen, stelle ihn an und ziehe meinen Stuhl davor. Zweihundert Grad. Tippe: \u201cRieke. Rieke. Rieke. Ich bins, Loris. Loris. L. O. Ris. Dein Bruder. Exbruder. Halbbruder. Ich will dir immer noch weh tun. Ich will dich immer noch bestrafen. Mein Tipp: Geh mir aus dem Weg, noch mindestens zwei Jahre, vielleicht zwanzig. Irgendwann wird Gras gewachsen sein \u00fcber meine Narben, \u00fcber mich. Dann kannst du mich besuchen, mit deinen neun Zehen auf mir gehen und mir Blumen auf die Brust pflanzen. Es liebte dich: Loris.\u201d Stecke den Kopf in den Ofen. Probehalber? Ist kein Gas. Blechernes Donnern, Umluft. Hei\u00dfer Windzug. Facial Sauna. Ohren kribbeln. Nach zwei Minuten Antwort: \u201cIch komme dich jetzt besuchen, es ist ernst. Du musst mich retten. Bitte.\u201d Ofen aus und los. Springe in meine alten Sachen und verlasse das Haus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Koche Haferflocken in Milch, Zucker und Zimt. Auf diese Weise begonnene Tage k\u00f6nnten gelingen, denke ich und r\u00fchre. Projekt: gelungenes Leben. Warum eigentlich nicht? 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