{"id":830,"date":"2014-09-29T15:36:00","date_gmt":"2014-09-29T13:36:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=830"},"modified":"2014-09-30T11:46:03","modified_gmt":"2014-09-30T09:46:03","slug":"wir-muessen-reden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=830","title":{"rendered":"Wir m\u00fcssen reden [ 27 ]"},"content":{"rendered":"<p>Riekes zerkaute, grobe Finger tippeln unruhig auf der Tischplatte. Vor ihr steht ein dampfender Becher. Verheulte Augen, ungewaschenes Haar. Sie ist fett geworden. Frauchen dagegen: ein Bild aus Honig und Milch. Wie sie dasteht, duftend und frisch gepellt. Ihre nackten, glatten Beine schimmern edel, ihre Locken am\u00fcsieren sich elastisch \u00fcber die Schwerkraft, ihre Augen blitzen wach und wissend, die kleinen H\u00e4nde wirkungsvoll verborgen, die Spitzen ihrer winzigen Br\u00fcste unter der kostbaren Wolle, aufrecht wie h\u00f6rige junge Hunde, die auf den Wurf des St\u00f6ckchens warten. Sie spielt mit den Zehen auf dem geheizten Steinfu\u00dfboden<br \/>\n\u201cLoris\u201d, sagt sie, \u201csetzen Sie sich. Wir m\u00fcssen reden.\u201d<br \/>\nIch schmelze. Ich gehorche. In vollendeter Ger\u00e4uschlosigkeit schenkt sie mir Tee in eine nurmehr eierbechergro\u00dfe Schale ein. Nickt. L\u00e4chelt. Ich f\u00fchle ihre K\u00f6rperw\u00e4rme \u00fcber mich huschen, wie einen Schatten, dann steht sie auf der anderen Seite des Tisches, mir gegen\u00fcber, hinter Rieke. Legt ihr die geheimnisvollen H\u00e4nde unverborgen auf die Schultern.<br \/>\n\u201cWoher-?\u201d, stammele ich, sehe sie an, warte auf Antwort. Aber ich habe ja gar keine Frage gestellt, sie l\u00e4sst mir die Zeit, weiter zu scheitern. \u201cWas macht\u2026 sie hier?\u201d Ich nicke abwertend Richtung Rieke, es ist so absurd, dass sie hier ist, kommt mir vollends unwirklich vor, wie ein Foto allerh\u00f6chstens.<br \/>\n\u201cIhre Schwester, Loris, befindet sich in einer komplizierten Situation\u201d, sie nimmt die H\u00e4nde wieder von Riekes Schultern, verschr\u00e4nkt sie locker hinter dem R\u00fccken, macht zwei, drei, vier kleine professorale Schritte, spricht Richtung Boden. \u201cSie hat sich in ihrer Not an mich gewandt. Sie braucht Ihre Hilfe, Ihre N\u00e4he. Aber Sie gehen ihr aus dem Weg-\u201d<br \/>\n\u201cAber-\u201d, unterbreche ich sie. Und augenblicklich tut etwas in mir weh. Ich sp\u00fcre ein kurzes elektrisches Flackern im Brustbein so etwa. Frauchens Blick, offen und freundlich, macht dennoch deutlich, dass sie keine Unterbrechung duldet. Sie trifft etwas in meinem Inneren, als h\u00e4tte sie auf ihrem Spaziergang hinter meiner Stirn neulich ein paar Elektroden an meinem Rippenfell angebracht, die sie nach Belieben ansteuern kann. Ich schweige, lausche, lerne. Wieder setzt ihre Stimme ein:<br \/>\n\u201cIhre Schwester hat ein Problem mit gewissen Substanzen.\u201d<br \/>\nIch nicke, ich wei\u00df.<br \/>\n\u201cIhre Schwester ist darum besorgt.\u201d<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das ist mir neu. Sie ist eigentlich nur besorgt, wenn der Stoff zur Neige geht. Rieke ist kein Junkie, nie gewesen, nicht absturzgef\u00e4hrdet, ein kontrollierter Nutzer, aber sie brauchte diese Fensterchen. So hat sie es mir erkl\u00e4rt. Sie brauche die Aussicht. Ich besorgte ihr, was sie brauchte, ich hielt sie im Arm, wenn sie l\u00e4chelte und schwieg und in ihrem Inneren zum Flug ansetzte. Manchmal brauchte sie diese Fl\u00fcge vier Mal die Woche, manchmal zwei Monate lang gar nicht. Immer war ich dabei. Sie hat es nie verborgen, sie hat mir alles erz\u00e4hlt. Von den Farben, den Gedanken, den kleinen Witzen, die sich ihr Gehirn in solchen Momenten selbst ausdachte. Und mir hatte sie gleichzeitig verboten, mitzufliegen. Das ist nichts f\u00fcr dich, Loris, sagte sie. Das macht dich kaputt.<br \/>\nIch zucke die Schultern. \u201cDas geht mich nichts mehr an\u201d, sage ich. Und mit der Eleganz einer T\u00e4nzerin und der Geschwindigkeit einer Karateka dreht, beugt, biegt Frauchen sich und schl\u00e4gt fest und knallend mit der flachen Hand auf die Tischmitte zwischen Rieke und mir. \u201cOh, doch!\u201d, sagt sie entschieden in die Stille hinein. Sie wendet den Kopf und sieht Rieke an, deren Blick auf ihren Oberschenkeln ruht. Dann nickt Frauchen und Riekes Lippen f\u00fchren einen nerv\u00f6sen Tanz auf, ehe sie hervorw\u00fcrgt: \u201cLoris, ich bin clean.\u201d<br \/>\nIch lache.<br \/>\n\u201cWo ist dann das Problem?\u201d, frage ich. Aufrichtig. Sch\u00fcttele den Kopf. Ungl\u00e4ubig. Keine Antwort. Sp\u00f6ttisch: \u201cSeit wann? Dienstag?\u201d<br \/>\n\u201cVier Monate.\u201d Vielleicht sieht sie deshalb so fertig aus? Weil ihr die Aussicht genommen wurde? Rieke, sch\u00f6ne, leuchtende Rieke. Zauberhafte, immer gl\u00fcckliche und seelige Rieke. Jetzt fett und matt und ungepflegt. Ihre Fl\u00fcge waren Fenster, aber auch Quelle. Innerer Urlaub.<br \/>\n\u201cWarum?\u201d, frage ich. \u201cDu siehst beschissen aus.\u201d<br \/>\n\u201cDanke.\u201d<br \/>\n\u201cWas machst du hier?\u201d<br \/>\nSie antwortet nicht. Sieht Frauchen an. Frauchen sieht mich an. Kopf schief gelegt, Augen zusammen gekniffen, mustert sie mich.<br \/>\n\u201cLoris, Sie verstehen es wirklich nicht?\u201d<br \/>\nWas ich verstehe: die Partie ist endg\u00fcltig er\u00f6ffnet. Also los. Frauchen meint es ernst. Ich hatte an ein klassisches Spielchen gedacht, Schach vielleicht, aber sie zieht st\u00e4ndig neue Figuren aus dem Hut, Figuren, die ich nie gesehen habe, die sich anders im Raum bewegen. Ich hantiere mit Bauer, L\u00e4ufer und Turm, sie mit Panzer, Raumschiff, Photonenkanone.<br \/>\n\u201cEs geht\u201d, sagt Frauchen, \u201cums Leben. Um einen neuen Start. Es geht um Ihre Hilfe, Ihren Platz, Ihre Aufgaben. In dieser Welt und f\u00fcr die Menschen, die Ihnen vom Universum zugelost wurden.\u201d<br \/>\n\u201cJetzt aber mal halblang.\u201d<br \/>\nFrauchens buddhistisches L\u00e4cheln, das mir die Widerworte zieht. Die Sekunden fallen in die Weite dieser aus Naturstein und Edelholz geformten K\u00fcche. Tropf, tropf. Jedes Wider in mir geht aus. Erlischt. Ich blicke hilflos nach oben, als wollte ich dem Rauch nachsehen, den ich \u00fcber mir aufsteigen sehe, dem Nachglimmen meines Dochts. Und ich wollte spielen?<br \/>\n\u201cSehen Sie die Zeichen, Loris\u201d, da ist ihre Hand auf meiner. Sie bewegt sie wie kostbare Tiere. Sch\u00fctzt sie unter ihren edlen \u00c4rmeln, l\u00e4sst sie nur heraus, wenn sie ben\u00f6tigt werden. Klein und warm und wirksam. Ich m\u00f6chte diese H\u00e4nde essen, k\u00fcssen, lecken. Kann nichts anderes denken. Welche Zeichen, denke ich und Frauchen antwortet:<br \/>\n\u201cDass Sie hier sind. Sehen Sie, dass Sie gebraucht werden.\u201d Pause. Wer sich auf Pausen versteht, dem geh\u00f6rt die Welt. Ihre Mundwinkel. Sagen mehr als ein Evangelium. Ich bohre meinen Blick hinein. Versuche mich in Hypnose: Nimm deine Hand nicht von meiner. Bittesehr.<br \/>\nUnd sie nimmt ihre Hand von meiner. Sagt: \u201cWir beide brauchen Sie, Loris. Das eint uns. Rieke und mich. Und so auch Sie.\u201d<br \/>\nIch nicke. Gib mir deine Hand zur\u00fcck.<br \/>\nSie sch\u00fcttelt den Kopf. Nein. Kein Sch\u00fctteln. Ein winziges Nicken, nur seitw\u00e4rts, ungl\u00e4ubig.<br \/>\n\u201cLoris, haben Sie verstanden?\u201d<br \/>\nJa, denke ich, wir geh\u00f6ren jetzt zusammen. Wir sind ein Universum. Wir wollen uns. Ich will. Aufgaben. Von mir aus auch Rieke. Gib mir Aufgaben, gib mir H\u00e4nde, gib mir Lippen. Gucken reicht f\u00fcrs erste. Ja!<br \/>\n\u201cSag es ihm\u201d, sagt Frauchen.<br \/>\nRieke schluckt, sieht auf. Und wieder ab. Wrack, das sie ist. Welk und faul, spr\u00f6de Lippen, H\u00e4nde eines Bauern.<br \/>\n\u201cIch\u2026\u201d, stammelt das trockene Maul meiner Schwester. Exschwester. \u201cErwarte ein Kind.\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Riekes zerkaute, grobe Finger tippeln unruhig auf der Tischplatte. Vor ihr steht ein dampfender Becher. Verheulte Augen, ungewaschenes Haar. Sie ist fett geworden. Frauchen dagegen: ein Bild aus Honig und Milch. Wie sie dasteht, duftend und frisch gepellt. 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