{"id":876,"date":"2014-09-29T15:28:20","date_gmt":"2014-09-29T13:28:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=876"},"modified":"2014-09-30T11:48:21","modified_gmt":"2014-09-30T09:48:21","slug":"sprechblasen-aus-waerme-und-sanften-gedanken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=876","title":{"rendered":"Sprechblasen aus W\u00e4rme und sanften Gedanken [ 32 ]"},"content":{"rendered":"<p>Es stresst Lohmann schon wieder. Weil alles ihn stresst. Lohmann ist chronisch unentspannt, er hat immer Angst, dass ihm jetzt etwas Schreckliches passieren wird.<br \/>\n\u201cWas hast du vor?\u201d<br \/>\n\u201cNichts Besonderes.\u201d<br \/>\n\u201cSo viel hast du noch nie bestellt.\u201d<br \/>\n\u201cSo viel hab ich noch nie gehabt, noch nie gebraucht, noch nie gekonnt.\u201d<br \/>\n\u201cIs alles in Ordnung bei dir?\u201d<br \/>\n\u201cSehr. Alles ist viel klarer. Hab es endlich geblickt.\u201d<br \/>\n\u201cSch\u00f6n. Wann? \u2026 Ich meine: Wann und wo treffen wir uns?\u201d<br \/>\n\u201cSonntag. In meiner neuen Werkstatt. Bin umgezogen. Ich schick dir die Adresse.\u201d<br \/>\n\u201cOk\u2026 \u00e4h&#8230; okay, ich bin jetzt da. Was jetzt?\u201d<br \/>\nLohmann ist so schei\u00dfe gestresst, dass er gar nichts schnallt. Er soll nur kurz in meinen Briefkasten gucken und mir sagen, ob ich Post habe, das ist alles. Er erwartet ein Sondereinsatzkommando, das ihn im Hausflur erschie\u00dft, weil er in der Zweiten mal ein Radiergummi geklaut hat.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u201cLohmann, du Pfosten, jetzt stellst du dich auf die Zehenspitzen und guckst in meinen Briefkasten.\u201d<br \/>\n\u201cMhmm.\u201d<br \/>\n\u201cMhmm, was?\u201d<br \/>\n\u201cIs was drin.\u201d<br \/>\n\u201cViel?\u201d<br \/>\n\u201cEiner.\u201d<br \/>\n\u201cEiner nur?\u201d<br \/>\n\u201cMhmm.\u201d<br \/>\n\u201cKannst du den rausangeln?\u201d<br \/>\n\u201cAlso, jetzt \u2026 also, reichts. Nee. Echt \u2026\u201d<br \/>\n\u201cLohmann!\u201d<br \/>\n\u201cWenn mich jemand sieht?\u201d<br \/>\n\u201cPiss dich nicht ein und mach hinne!\u201d<br \/>\n\u201cOhh!\u201d, h\u00f6re ich noch, aber dann scheint Lohmann zu gehorchen. Wie eigentlich immer. Ich h\u00f6re das Briefkastenblech im halligen Hausflur bellen und stelle mir Lohmann vor, wie jetzt der Hausmeister reinkommt und Lohmann vor Schiss sofort die Hand im Briefkasten anschwillt und er sie nicht mehr rausbekommt und sich in vorauseilendem Gehorsam um Kopf und Kragen redet. Es ist so: Eigentlich will Lohmann all diese Dinge tun, es ist ja auch kein Zufall, dass ich zu ihm gehe, wenn ich bestimmte Sachen getan haben m\u00f6chte. Lohmann str\u00e4ubt sich, aber nur, damit man ihm Befehle gibt. Dann k\u00f6nnte er sp\u00e4ter alle Verantwortung von sich weisen. Er sei gezwungen worden. Und so kann er doch ein bisschen erleben, hat aber immer ein Sicherheitsnetz unter sich. Deshalb \u00fcberhaupt kann ich ihm Befehle erteilen: weil er welche empfangen m\u00f6chte. Es ist nicht so, dass ich gro\u00df was gegen ihn in der Hand h\u00e4tte \u2026<br \/>\nIch wollte mir eigentlich nur vom Pharmazeut meines Vertrauens die neue Minibar einrichten lassen, deshalb hatte ich angerufen, aber als ich h\u00f6rte, dass Lohmann bei mir um die Ecke im Caf\u00e9 sa\u00df, hatte ich die Idee, dass er kurz in meinen Briefkasten gucken sollte.<br \/>\n\u201cIch hab ihn!\u201d, ruft Lohmann stolz.<br \/>\n\u201cVon wem?\u201d<br \/>\nEs dauert ein paar Sekunden, dann: \u201cSteht nichts drauf. Aber sieht aus wie von einem Kind. Deine Adresse und so \u2026\u201d<br \/>\n\u201cAch, Fuck, mach auf!\u201d<br \/>\n\u201cH\u00e4\u00e4h?\u201d<br \/>\n\u201cDu sollst den Brief aufmachen und mir vorlesen.\u201d<br \/>\n\u201cIch kann ihn dir doch Sonntag auch einfach mitbringen.\u201d<br \/>\n\u201cIch hab gesagt, du sollst ihn mir vorlesen. Ich will wissen, was drin steht.\u201d<br \/>\n\u201cAlter, das ist jetzt aber nicht so ne P\u00e4do-Schei\u00dfe, in die du mich reinziehst hier, ne? Bei sowas, da bleibt immer was h\u00e4ngen und wenn der Ruf einmal ruiniert ist &#8211; das kann ich mir echt nicht leisten. In eine P\u00e4do-Apotheke kommt keiner\u2026\u201d<br \/>\n\u201cLohmann, halt die Fresse und mach den Brief auf.\u201d<br \/>\n\u201cIch geh mal raus erstmal, ja? Und such mir ne Bank, ne?\u201d<br \/>\nIch lege mich auf den Betonfu\u00dfboden meines Ateliers, schaue an die Decke. Ich stelle den Lautsprecher an und lege das Handy neben mich. Ich h\u00f6re es rascheln und rumpeln. Das Telefon kr\u00e4chzt, meine Halle scheppert, Lohmann r\u00e4uspert sich blechern. Dann f\u00e4ngt er an, mir vorzulesen. Ich schlie\u00dfe die Augen:<\/p>\n<p><em>Ich habe dir noch nicht von meinen K\u00fchen erz\u00e4hlt.<br \/>\nIch habe K\u00fche.<br \/>\nIch habe sie getroffen, als ich eines Tages im Wald unterwegs war auf der Suche nach nichts. Ich lief nur, lief und lief und pl\u00f6tzlich standen da drei K\u00fche. Moni, Olga und Heide. Wilde K\u00fche, wenn es sowas gibt. Aber jedenfalls geh\u00f6ren sie niemandem. Nur sich selbst. Auch nicht mir. Wenn ich sage, ich habe K\u00fche, dann nur, weil ich auf sie aufpasse. <\/em><\/p>\n<p>Lohmann stockt und verschnauft. Er lacht und sagt: \u201cH\u00e4h? Is das so ne Behindertenpatenschaft oder so? Hast du ne Brieffreundschaft mit nem Mongo oder was geht ab?\u201d<br \/>\n\u201cLies!\u201d<\/p>\n<p><em>Wei\u00dft du, Tiere \u00fcberhaupt: Tiere haben mich gerettet! Ich war schon am Ende. Ich dachte, es geht nicht mehr weiter. Ich hatte alles verzockt und verkackt. Wenn mir etwas wichtig gewesen war, dann hatte ich es mit aller Kraft kaputt gemacht. So war mein ganzes Leben. Und dann waren es die M\u00e4use. Ich habe fast anderthalb Jahre unter einer Schnellstra\u00dfenbr\u00fccke am Rande von Oldenburg gelebt. Laut war es da und stinkig. F\u00fcrchterlich. Ich habe mich weggeschossen, Tag f\u00fcr Tag, und wenn man erstmal in so einem Strudel festh\u00e4ngt, geht es immer nur bergab. Man verzweifelt. Man hasst sich. Man lacht sich aus, bis man nicht mal mehr \u00fcber sich selbst lachen kann. Und dann kommen die Schmerzen. Und du sp\u00fcrst, dass du nicht mehr kannst. Nicht mehr kannst ohne Sprit und mit Sprit auch nichts mehr kannst. Du stinkst und verlotterst und die Leute ekeln sich vor dir. Der K\u00f6rper muckt, aber der K\u00f6rper ist dann eh nur noch eine beschissene H\u00fclle. Und damals haben mich die M\u00e4use gerettet, eine ganze Kolonie hat sich zu mir gesellt, und ich habe angefangen, mich um sie zu k\u00fcmmern. <\/em><\/p>\n<p>Lohmann bricht in Gel\u00e4chter aus. \u201cAlter, was f\u00fcr ein Schei\u00df!?\u201d, br\u00fcllt er und lacht und wartet und ich sage nichts und Lohmann fragt: \u201cSoll ich ernsthaft weiter lesen? Was ist das? Kannst du mir sagen, was das f\u00fcr ein Schei\u00df is? Is das n Witz? Soll das witzig sein? Oder Verarsche oder was? Es geht um nen Penner, der von M\u00e4usen betreut wird und der  auf K\u00fche steht? H\u00c4H??!!\u201d<br \/>\n\u201cLies einfach weiter!\u201d<br \/>\n\u201cLoris, was is denn das?\u201d<br \/>\n\u201cPrivatangelegenheit.\u201d<\/p>\n<p><em>Sie haben mich abgelenkt, haben mit mir Kontakt aufgenommen, mir ihre Kinder anvertraut, zusammen haben wir Kunstst\u00fccke ge\u00fcbt. <\/em>(Lohmanns Lachen) <em>Ich habe sie gef\u00fcttert, sie haben in meinen Sachen geschlafen. Lebendige Tiere, Loris!, so ein Geschenk. Es ist ein Zauber. Hast du Tiere? Vielleicht einen Hund oder eine Katze? Tiere machen gl\u00fccklich! Ich h\u00e4tte gerne einen Hund und vielleicht werde ich irgendwann auch einen haben. Im Moment habe ich drei K\u00fche, das ist genug f\u00fcr einen wie mich. Ich kann schlecht, wenn ich muss. <\/em>(Impotent!\u201d, ruft Lohmann und kriegt sich kaum wieder ein) <em>Verstehst du, was ich meine? Wenn es zu viel wird, dann tauche ich ab, das ist ein Reflex. Es ist wie Atmen, ich kann nicht anders. Ich muss weg, wenn es zu viel wird. Aber Olga, Moni und Heide, die k\u00f6nnen auch ohne mich, die kommen gut allein zurecht. Also muss ich nicht. Und also kann ich. Es ist sch\u00f6n mit uns. Wir sind wie eine Familie, ein kleines bisschen jedenfalls. Wir streifen durch die W\u00e4lder, suchen nach saftigem Gras, ich liebe ihr Schnauben, ihr ruhiges malmendes Kauen, ihre sanften, braunen Augen. Ich lege gerne meine Nase auf ihr Fell und rieche den edlen Kuhgeruch. Dann kann ich alles vergessen. K\u00fche sind die ruhigsten und weisesten und entspanntesten Tiere, die ich kenne. Zumindest sind es diese K\u00fche, vielleicht, weil sie ganz f\u00fcr sich sind, in einem gro\u00dfen Wald. <\/em><\/p>\n<p>\u201eAlter, Sodomist, ich schw\u00f6r! Bam! Rein ins gro\u00dfe Kuhloch, hundertpro!\u201c, schreit Lohmann mir ins Ohr.<br \/>\n\u201eHalt dein Maul und lies!\u201c <\/p>\n<p><em>Wie wir manchmal fr\u00fch morgens zusammen durch den Wald streifen. Wie wei\u00dfe Fahnen tragen sie ihren Atem dann vor sich. Sprechblasen aus W\u00e4rme und sanften Gedanken. Gl\u00fccklich und sorglos sind wir, laufen friedlich durch den sch\u00f6nen, leisen Wald, der taunass daliegt und langsam erwacht unter dem Gebr\u00fcll der tausend Vogelkehlchen. Ich glaube ja, dass V\u00f6gel sich f\u00fcr die Anknipser der Welt halten. So wie sie br\u00fcllen und schreien jeden Morgen. Sie schreien die Sonne, das Licht herbei. Sie glauben, wenn sie nicht aus voller Brust fl\u00f6ten w\u00fcrden, dann bliebe es dunkel. Den K\u00fchen ist es egal. Ihnen ist alles egal. Wetter zum Beispiel. Sonne oder Regen? Ist ihnen gleich. Gleich sch\u00f6n.<br \/>\nMan kann so vieles lernen von der Seele einer Kuh. Ich w\u00fcnschte, du k\u00e4mst mich einmal besuchen, dann k\u00f6nnte ich dir meine K\u00fche vorstellen.<br \/>\nOlga hat noch ein bisschen Milch im Euter und manchmal darf ich mir ein wenig davon melken.<\/em> <\/p>\n<p>\u201eJetzt\u201c, sagt Lohmann leise und kichert wie ein M\u00e4dchen.<\/p>\n<p><em>Ein Kuhgeschenk. Wei\u00dft du, wie sch\u00f6n das ist? Wahrscheinlich nicht. In der Stadt hat man ja keine K\u00fche. Ich sage dir: Es ist wundersch\u00f6n. <\/em><\/p>\n<p>\u201eAlter, Loris, ich hab noch nie so viel kranken Schei\u00df am St\u00fcck gelesen. Was f\u00fcr ein Spast, oder? Soll ich wegschmei\u00dfen?\u201d<br \/>\n\u201cNee, mitbringen. Sonntag.\u201d<br \/>\n\u201cOkay, von mir aus. Ich komm um Mittag rum. Aber besuch den Typen blo\u00df nicht.\u201d Und dann lacht Lohmann laut und unsicher und ich lege auf. So habe ich Lohmann noch nie geh\u00f6rt. So ausgelassen, so laut lachend, wiehernd, hemmungslos und offen. Diesen ansonsten so \u00e4ngstlichen, spitzm\u00fcndigen, schreckhaften Loser. Das hat dieser Brief gemacht. Ob es seine Absicht war oder nicht, es ist ein kleiner Zauber. Und es macht mich w\u00fctend, merke ich, dass Lohmann meinen Onkel auslacht, den er gar nicht kennt. In diesem Brief steckt viel Wahrheit, mehr Wahrheit als Lohmann in seinem ganzen Leben je hervorbringen wird. Es steht ihm nicht zu, sich so \u00fcber meinen Onkel zu erheben, dieser kleine Giftmischer. Verteidige ich gerade meinen Onkel (oder wer auch immer es nun sein mag)? Nur im Kopf, ja, aber so f\u00e4ngt es ja meistens an \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es stresst Lohmann schon wieder. 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