{"id":881,"date":"2014-09-29T15:27:03","date_gmt":"2014-09-29T13:27:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=881"},"modified":"2014-09-30T11:48:40","modified_gmt":"2014-09-30T09:48:40","slug":"lassen-sie-sich-gehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=881","title":{"rendered":"Lassen Sie sich gehen [ 33 ]"},"content":{"rendered":"<p>Drei Studenten und Frauchens Hausmeister Gruber helfen mir, mein Atelier (ja, so nenne ich es) einzurichten. Eine Firma hat in den letzten Tagen alle erforderlichen Anschl\u00fcsse gelegt, Gruber erledigt den Rest. Bohren, verkabeln, pr\u00fcfen. Ein stiller Mann um die f\u00fcnfzig, mit Blaumann, Schnurrbart und aschfarbener Haut. Seine ruhigen, sicheren Bewegungen erinnern mich an Frauchens Yoga-\u00dcbungen, die ich mir zuweilen ansehe.<br \/>\nSeit es so warm ist, machen Schwester und Frauchen ihre Turn\u00fcbungen drau\u00dfen. Strecken und Dehnen ihre Luxusk\u00f6rper in engen H\u00f6schen. Fr\u00fchmorgens, wenn der Tau noch \u00fcber dem Park steht, ich habe es neulich gesehen, als ich gerade ins Bett gehen wollte. Sonst schlafe ich zu dieser Unzeit. Aber ich kam von der Vogeljagd, ein paar Tiere in der einen, das Luftgewehr in der anderen Hand \u00fcberquerte ich die Wiese und guckte zuf\u00e4llig hinter der Bambushecke Richtung Spa-Bereich, da zog Rieke eine T\u00fcr der Glasfassade auf und glitt selbstbewusst in den Morgen. Ich stand wie ein Reh im Scheinwerferlicht, hinter Rieke schl\u00fcpfte Frauchen in den Morgen. Da standen sie,  Matte unter den Arm geklemmt, eine Flasche Wasser in der Hand. Ich verschwand in meinem Atelier, lagerte eilig die V\u00f6gel. Mit Zigaretten, Rotwein und Klappstuhl setzte ich mich vor den Schuppen und sah dem Schauspiel zu. Wie Frauchen in Zeitlupe durch Raum und Zeit floss. Durch alle mir bekannten Dimensionen. In so absoluter Perfektion, es war die Definition von Konzentration, es war berauschend kontrolliert. Ich merkte, dass ich aufgestanden war, ohne es zu merken, als die runtergebrannte Kippe mir fast die Hand verbrannte. Ich flippte sie in den Busch, vor dem ich stand, prostete Frauchen mit der Weinflasche zu und trank. Meine Schwester als Statistin, und wenn sie Bikram h\u00f6chstpers\u00f6nlich w\u00e4re, Frauchen bewegte sich wie jemand, dem man nichts mehr beibringen konnte. Es war, als wehte sie in Superzeitlupe im Wind, irgendwie gelang es ihr, mit Konzentration die Gravitationskr\u00e4fte anders ausreizen zu k\u00f6nnen als sich normal bewegende Menschen, ich hatte so etwas noch nie gesehen. War Rieke Publikum und gar nicht Lehrerin? Ich sah, wie Rieke irgendwas sagte, ihr Mund klappte auf und zu, vielleicht Anweisungen, Ideen, vielleicht der n\u00e4chste Teil der Choreographie? Spornte Rieke sie an? Wie Frauchen hier stand und gl\u00fchte, vor mir im Morgen, im Nebel, und die Terrasse zu einer B\u00fchne machte. Sie war es, nicht ich und auch nicht Rieke. Sie war so vollkommen und gen\u00fcgsam, sie brauchte kein Publikum. Ich verstand nicht, was Riekes Rolle in diesem bemerkenswerten Schauspiel sein sollte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Aktenschr\u00e4nke werden geliefert, Regale, Tische, St\u00fchle, Lampen, eine Abzugshaube. Gefrier- und K\u00fchlschr\u00e4nke, Werkzeugb\u00e4nke, Becken, Wannen, T\u00f6pfe, Lupen. Ein W\u00e4rmeschrank und eine Mazerationsanlage. Ich stehe nur in der Mitte und delegiere. Zeige mit dem Finger in diese Ecke oder jene. Streiche \u00fcber die Regale, sortiere Flaschen und Kanister, eine Wand voller Chemikalien: 2-Phenoxy-Ethanol, Natriumhydrogencarbonat, Formaldehyd. Enzyrim, Kochsalzl\u00f6sung, Supralane, Mortanol, Natriumcarbonat. Papain. Wasserstoffperoxid. Ethylmethacrylat, Mehylacrylat, Alkohol, Aceton. Jaw-Juice, Dermocoll und weitere Spezialkleber. Schnellgie\u00dfharz. Gips. Fette und Schmierstoffe. Retuschierwachs. Ich bin ein Speziallabor, ich mache Museen Konkurrenz: Mit meiner Knochenentfettungsanlage k\u00f6nnte ich Elefantenknochen pr\u00e4parieren.<br \/>\nPlastilin, Holzwolle, Wickelgarn, rostfreier Draht und Silikon. N\u00e4hnadeln, N\u00e4hfaden, N\u00e4gel. Spritzen, Kan\u00fclen, Skalpelle, Scheren, Pinzetten und diverse Modellierwerkzeuge. S\u00e4gen, Kopfsonden, Zangen und L\u00f6ffel.<br \/>\nHabe mir au\u00dferdem einen Zuchtansatz f\u00fcr Dornspeckk\u00e4fer und ein Terrarium kommen lassen. Katzenfutter und Aquagel. Die kleinen Biester nagen kleine Skelette und Sch\u00e4del einwandfrei sauber. Perfekte Entfleischer, ersparen einem, das ganze Skelett auseinandernehmen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Am Abend liege ich flach auf dem Estrich und glotze an die Decke. Mein Reich. Mein Raum. Ich liege und f\u00fchle ein Pumpen zwischen Magen und Herz, wie nach zwei Kannen Kaffee auf n\u00fcchternen Magen. Kurz schlie\u00dfe ich die Augen und gehe an Riekes Schrank, stelle mir eine Tasse auf die Brust, darauf steht: Gl\u00fcck. Dann f\u00fchle ich W\u00e4rme, schlage die Augen auf und sehe ein H\u00e4ndchen, nur Zentimeter \u00fcber meiner Stirn. Ein w\u00e4rmegl\u00fchendes kleines M\u00e4dchen-H\u00e4ndchen. Frauchen. Wie hat sie sich zu mir geschlichen? Sie sitzt oberhalb meines Schopfes, l\u00e4chelt weise und h\u00e4lt ihre Rechte \u00fcber mich, als k\u00f6nne sie etwas in mich senden oder aus mir saugen.<br \/>\n\u201cSehen Sie \u2026\u201d<br \/>\n\u201cWas?\u201d<br \/>\n\u201cDa liegen Sie und tr\u00e4umen.\u201d<br \/>\n\u201cIch habe nachgedacht.\u201d<br \/>\n\u201cSoso.\u201d<br \/>\nIch richte mich auf, setze mich ihr gegen\u00fcber. Ihre Hand verschwindet in der grauen Wolle ihres Pullovers, wie ein Schildkr\u00f6tenk\u00f6pfchen im Panzer.<br \/>\n\u201cGef\u00e4llt es Ihnen.\u201d<br \/>\n\u201cSehr. Und Ihnen?\u201d<br \/>\n\u201cWenn Sie gl\u00fccklich sind. Wenn Sie alles haben, was Sie brauchen \u2026\u201d Sie sieht sich um.<br \/>\n\u201cMehr als das. Ich habe \u2026 viel Spielzeug. Ich habe mich gehenlassen, als ich erstmal angefangen hatte \u2026\u201d<br \/>\n\u201cGut so!\u201d Sie l\u00e4chelt mich an, nickt: \u201cGut so. Lassen Sie sich gehen. Richten Sie sich ein. Sie sollen gl\u00fccklich werden. Gl\u00fccklich tr\u00e4umen. Unbeschwert. Frei von Sorge. Ich brauche Sie. Ich brauche ihre unbeschwerte Arbeit.\u201d<br \/>\nIch nicke. Nicke. Tranceartig.<br \/>\n\u201cMit einigen Sachen habe ich noch nie gearbeitet \u2026\u201d<br \/>\n\u201cGut! Gut. Bilden Sie sich fort. Wir sind noch lange nicht am Ende unseres Weges \u2026\u201d<br \/>\n\u201cIch ziehe hier trotzallem nicht ein!\u201d<br \/>\nSie schnaubt, l\u00e4chelt, sieht durch mich hindurch, wendet den Blick ab. Drau\u00dfen weint eine Katze, Wind dr\u00fcckt gegen die T\u00fcr.<br \/>\n\u201cSie geben mir das alles, diese Werkzeuge, die ein Verm\u00f6gen kosten und ich wei\u00df nicht mal, was Sie vorhaben. Was wollen Sie von mir?\u201d<br \/>\n\u201cGeben Sie mir Ihre H\u00e4nde, bitte.\u201d Etwas h\u00e4lt mich, kurz, dann rutsche ich einen halben Meter dichter an sie heran und strecke meine Arme aus, meine H\u00e4nde h\u00e4ngen in der Luft wie Waren, die beim Handel \u00fcber die Theke gereicht werden. Sie nimmt sie, dreht sie, sieht auf meine Handfl\u00e4chen. Ihre gl\u00fchend hei\u00dfen Kinderh\u00e4nde w\u00e4rmen meine kalten, rauen Pranken. Dann senkt sie den Kopf, ber\u00fchrt mit ihren Lippen jede Fingerkuppe meiner rechten Hand. Keine K\u00fcsse, Lippenber\u00fchrungen, wie eine Segnung, nichts Sexuelles.<br \/>\nSie sieht nicht auf, als sie fertig ist. H\u00e4lt inne, fixiert meine rechte Hand, als wolle sie sie beschw\u00f6ren. Irgendwann murmelt sie leise: \u201cFaszinierend.\u201d<br \/>\n\u201cWas ist faszinierend?\u201d<br \/>\n\u201cWie lange habe ich gewartet und mir wer wei\u00df was ausgemalt. Dann pl\u00f6tzlich diese H\u00e4nde. So sehen sie also aus \u2026\u201d<br \/>\n\u201cWovon reden Sie?\u201d<br \/>\n\u201cWerkzeuge.\u201d<br \/>\n\u201cSoll ich Ihnen zeigen, was Sie alles gekauft haben?\u201d<br \/>\nSie sch\u00fcttelt den Kopf, ihre Pupillen haften an meiner Hand, wie sie sich auch bewegt. Ich sp\u00fcre, wie das Blut in meine Hand schie\u00dft.<br \/>\n\u201cSehen nicht viel anders aus als andere H\u00e4nde. Aber diese hat es gebraucht. Feine und feinste Werkzeuge. Filigran und kraftvoll, verbunden mit \u2026\u201d<br \/>\n\u201cWas?\u201d<br \/>\n\u201cIhrem Geist, dieser F\u00e4higkeit &#8211; Sie wissen schon! Das ist vielleicht die Krone der Sch\u00f6pfung.\u201d<br \/>\nIch muss lachen. \u201cJetzt \u00fcbertreiben Sie vielleicht ein bisschen!\u201d<br \/>\n\u201c\u2026 die Krone dieses speziellen Auswuchses.\u201d<br \/>\n\u201cUm was geht es hier \u00fcberhaupt?\u201d<br \/>\n\u201cSie sind ein bescheidener Mann \u2026\u201d Ihr Blick springt in mein Gesicht, meine hei\u00dfe, erigierte Hand f\u00e4llt in meinen Scho\u00df zur\u00fcck.<br \/>\nSie springt auf und gleitet Richtung T\u00fcr.<br \/>\n\u201cWas sind Sie nur f\u00fcr ein sonderbarer Mann?\u201d, schnurrt sie und zieht die Blecht\u00fcr auf.<br \/>\nSie wirft den Kopf in den Nacken, ihre Locken tanzen ein belustigtes H\u00fcpfen. Zungenschnalzen.<br \/>\nDann ist sie verschwunden. Und ich sitze noch hier. Nehme eine Zigarette. Das winzige Knistern der Glut. Herzschlag. Blut. Packe ihn aus. Rauche mit links, wichse mit rechts. Gleichzeitig. Starre an die Decke, Flimmern der Neonr\u00f6hre. Komme bald, komme schnell, komme lange und gar nicht heftig, nur lange und warm, in sanften Wellen. Denke an Estrich, Blech und Aufsichtsrats Knochen. Die T\u00fcr schlie\u00dft unter dem Druck des Windes mit einem Knallen. Ich rieche k\u00f6rperwarmes Eiwei\u00df, und hoffe, dass sie irgendwo steht und mich beobachtet. Ich sch\u00e4me mich nicht. Ich wei\u00df: Hier darf ich alles. Ich wei\u00df: Mit ihr geht alles. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Studenten und Frauchens Hausmeister Gruber helfen mir, mein Atelier (ja, so nenne ich es) einzurichten. Eine Firma hat in den letzten Tagen alle erforderlichen Anschl\u00fcsse gelegt, Gruber erledigt den Rest. Bohren, verkabeln, pr\u00fcfen. 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