{"id":904,"date":"2014-09-29T15:23:14","date_gmt":"2014-09-29T13:23:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=904"},"modified":"2014-09-30T11:49:57","modified_gmt":"2014-09-30T09:49:57","slug":"ueber-bande","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=904","title":{"rendered":"\u00dcber Bande [ 37 ]"},"content":{"rendered":"<p>Allein der erste Schnitt.<br \/>\nDieses Gef\u00fchl. Ein Skalpell anzusetzen und in die tieferen Schichten vorzudringen. Das Unsichtbare freizulegen, Geheimes hervorzuholen, ins Licht zu zerren. Meine Spuren zu hinterlassen und dann wieder zu verwischen.<br \/>\nEs geht nicht um mich.<br \/>\nUnd das hei\u00dft: Es geht um etwas Gr\u00f6\u00dferes. Und das hei\u00dft: Es gibt etwas Gr\u00f6\u00dferes. Weil wir es denken k\u00f6nnen. Wenn auch nur \u00fcber Bande.<br \/>\nSchnitt.<br \/>\nUnd wie das Fleisch ins Licht platzt, als habe es jahrelang nur auf diesen Moment gewartet, als sei es nur daf\u00fcr gewachsen, ist ein ebensolcher Beweis. Schnitt, nur nach oben, um an den Knochen nichts zu besch\u00e4digen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich sehe mir selbst gern zu. Wie ich schon immer Menschen gern zugesehen habe, die ihr Handwerk beherrschen. Schuster, Schneider, Zimmerleute, der Friseur um die Ecke, ja, sogar einem wirklich guten D\u00f6nerverk\u00e4ufer k\u00f6nnte ich stundenlang zusehen, die Eleganz seiner Bewegung bewundern, optimierte, von ewiger \u00dcbung gefilterte Handgriffe, reingewaschen, freigelegt. \u00dcber die Jahre eingekerbt in den Bewegungsablauf, wie das Leben einen eben zurechtschleift.<br \/>\nIch bin froh, dass die Natur die Augen nicht in den H\u00e4nden untergebracht hat, ich k\u00f6nnte meine eigenen sonst nicht sehen &#8211; H\u00e4nde, die kunstvoll das Fleisch anheben, ziehen, spreizen, schneiden.<br \/>\nMeine H\u00e4nde, die all das tun. Elegant und sicher, gezielt und mit beeindruckender Geschwindigkeit gleiten sie \u00fcber Aufsichtsrats kalte, feste, rote Muskeln. Nichts davon muss mehr gedacht werden. Die H\u00e4nde handeln frei, sie folgen einer Logik, die mechanisch ist und gar nicht bis in den Kopf vordringt, die H\u00e4nde agieren selbst\u00e4ndig, als h\u00e4tten sie ein eigenes Hirn, als seien sie ein geschlossener Kreislauf.<\/p>\n<p>Dann liegt er frei. Rot und wund, gl\u00fchend, wie ein Monate zu fr\u00fch geholter Embryo, unfertig f\u00fcr die Welt. Schutzlos \u00fcberreizt. Immer muss ich schmunzeln beim Anblick eines enth\u00e4uteten Leibs. Jedes noch so gro\u00dfe, m\u00e4chtige Tier ist ohne Haut nur ein zum Nacktmull geschrumpfter Witz. <\/p>\n<p>Mit einer Art Schraubenzieher, Stocher, sagt man, hebelst dut man die Augen aus dem Sch\u00e4del und kappt dann den Sehnerv in der Vertiefung. Die Lichter, sagt man. Und den Lecker, schneidet man als n\u00e4chstes raus, an den Innenseiten der Unterkiefer entlang. Dann zieht man ihn von vorn nach hinten mit der Schlund\u00f6ffnung weg und schneidet die Zungenbeine raus. Unterhalb des Hinterhauptloches. Dann kommen die Kaumuskeln und Sehnen raus. Innen und au\u00dfen am Knochen entlang. Alles weg. Dann den Unterkiefer aus den Oberkiefergelenken hebeln. Ein fester Ruck nach hinten. Den Sch\u00e4del grob entfleischen. Dann mit einem Stocher das Gehirn kleinstochern. Schale mit dem Gartenschlauch aussp\u00fclen.<\/p>\n<p>Erst riecht es wie an der Fleischtheke, nur intensiver, nach kaltem Fleisch.<br \/>\nDann schneidet man hinein und schon riecht es anders, in Bauchraum und Brust. Es riecht nach Blut vielleicht und etwas Verborgenem, etwas, das nicht f\u00fcr das Licht gemacht ist. Erdig, schwer und ernst. Moos und Metall. Es riecht ein bisschen nach Hinterhof und Regen auf sonnenwarmem Stein. Jedes Tier riecht anders, drinnen, aber eins haben sie gemeinsam: einfache, erdige Ger\u00fcche. Bevor sie anfangen zu faulen, und wenn der Darm unbesch\u00e4digt bleibt. <\/p>\n<p>Ich lasse Wasser in eine Plastikwanne und lege die entfleischten Knochen hinein.<\/p>\n<p>Wenn man stirbt, h\u00e4lt die Zeit an. So ungef\u00e4hr stelle ich es mir vor:<br \/>\nDie Zeit gesprengt, was bleibt ist eine Landschaft aus dem, was man geliebt, gehasst, gewollt, ertragen und getr\u00e4umt hat. Was man verstanden, nie begriffen, gewusst und gemacht hat. Was man gesehen, geschmeckt und gesp\u00fcrt hat.<br \/>\nUnd diesen Moment versuche ich zu treffen, wenn ich pr\u00e4pariere. Auch Tiere haben ein Immer und ein Ewig und ein Nichts. Haben Freunde und Feinde. Angst und Geborgenheit. Ich kenne sie ja besser als jeder andere. Daf\u00fcr bin ich hier, denke ich und f\u00fchle meinen Puls im Hals, ein vibrierendes Zucken hinter den Rippen. So viel Leben wie sonst nie. Das ist der Zusammenhang. Ich habe es gefunden, mich gefunden, in diesem Tun. Die Tiere von innen her zu begreifen. Ihr Wesen auszustellen, zu erhalten, den Menschen zu zeigen, begreiflich zu machen. Meinen Beitrag zu leisten, zur Entr\u00e4tselung der Welt, des Lebens, unserer Rolle im Universum. Ja! Superlativ! H\u00f6chststufe! Das w\u00e4re der Sinn des Ganzen, ein Ziel, mein Ziel. Ein Museum zu schaffen, nein, vielmehr einen Tempel, ein Wunder. Keinen Raum mit verstaubten, ausgestopften Tieren, sondern einen Ort, den Ort, der das Leben verl\u00e4ngert, unendlich verl\u00e4ngert, ins aufgel\u00f6ste Immer vergr\u00f6\u00dfert und spiegelt. Den Tod hingegen ins Leben r\u00fcckverlagert, \u00fcberhaupt erst fassbar macht und nicht mit klugen Worten hantiert und damit alles nur winzig und eindimensional menschlich macht. Ein Ort, der die Sprache des Lebens spricht, der die Bilder kennt, aus denen das Leben besteht, die Tr\u00e4ume, \u00c4ngste und den Tod. Diesen Ort zu bauen, in die Welt zu stellen, aus ihr herauszusch\u00e4len, aus mir hervorzuholen, das w\u00e4re es. Einen Ort, in den man hineingeht und den man nie wieder verl\u00e4sst, selbst wenn man ihn verl\u00e4sst, der sich in einen hineinschraubt, eingr\u00e4bt, umgr\u00e4bt, umprogrammiert, der den Tod endlich in das Leben integriert. Ein Ort f\u00fcr Verr\u00fcckte, f\u00fcr Wilde, f\u00fcr Suchende, ein Ort, anders als alle Orte, ein Ort, der Schnittstelle ist f\u00fcr das Bewusstsein, ein Raum aus mir, Grenzlinie zwischen Leben und Tod, nichts und allem. Das ist, begreife ich nun, da es so nah liegt, wie noch nie, endlich greifbar, machbar. Das ist vielleicht das Einzige, was ich dieser Welt wirklich zu geben h\u00e4tte.<br \/>\nIch war ein Leben lang nur Parasit, eine Zecke in einer Hautfalte der Welt, pl\u00f6tzlich h\u00e4tte so alles einen gro\u00dfen, monstr\u00f6sen, gigantischen, nachtr\u00e4glichen Zweck. Ich musste mich vollsaugen, musste meinen Hass, meinen Ekel, alles, was ich eben in mir trug in den Kreislauf der Welt pumpen, weil ich an sie angeschlossen war, ich nahm auf, ich gab ab und nun, gen\u00e4hrt, gest\u00e4rkt, kann die Zecke,  abspringen und aktiv werden, ein Sch\u00f6pfer, ein Medium, ein Gesandter. Denn das bin ich. Weder die Maya-Tempel und Pyramiden, noch die Kirchen und Kl\u00f6ster, die heiligen Schriften und Atommodelle und vermeintlichen gro\u00dfen K\u00fcnstler mit all ihren Gem\u00e4lden, Skulpturen, Schriften, Fotos und Filmen, haben den Tod so begriffen und gemalt wie ich. Nichts und niemand. Es pumpt in mir wie sonst nur nach einem Sprung in Lohmanns Planschbecken. Es ist, als tr\u00e4fe mich ein Strahl, als sei ich ein Glas und jemand g\u00f6sse von oben endlich eine lang ersehnte Fl\u00fcssigkeit in mich, f\u00fchre mich endlich meiner Bestimmung zu. Wie lange war ich ein merkw\u00fcrdiges Etwas aus Glas, leer und ohne Sinn und Zweck, f\u00fcr irgendwas bestimmt, ohne es selbst zu ahnen, und als es pl\u00f6tzlich in mich hineinfloss war klar, dass ich schon immer war, was ich jetzt werde und alles gut ist und einem Sinn folgt. Ich bin ein Glas. Ich bin ein Tempelbauer. Ich bin der Mensch, der den Menschen den Tod bringt.<br \/>\nOh, es weckt mich!<br \/>\nHier! will ich schreien, hier bin ich! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allein der erste Schnitt. Dieses Gef\u00fchl. Ein Skalpell anzusetzen und in die tieferen Schichten vorzudringen. Das Unsichtbare freizulegen, Geheimes hervorzuholen, ins Licht zu zerren. Meine Spuren zu hinterlassen und dann wieder zu verwischen. Es geht nicht um mich. 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