{"id":908,"date":"2014-09-29T15:22:34","date_gmt":"2014-09-29T13:22:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=908"},"modified":"2014-09-30T11:50:21","modified_gmt":"2014-09-30T09:50:21","slug":"mechanik-des-kosmos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=908","title":{"rendered":"Mechanik des Kosmos [ 38 ]"},"content":{"rendered":"<p>Habe mir extra den Wecker auf Yoga gestellt.<br \/>\nSitze schon seit zwanzig Minuten hier auf meinem Klappstuhl und warte im angenehm k\u00fchlen Morgendunst, saufe Rotwein aus der Flasche, h\u00f6re dem Gebr\u00fcll der V\u00f6gel zu und denke, wie still sie einmal in meinem Tempel stehen werden. Dann endlich geht das Fenster auf und Rieke und Frauchen betreten die B\u00fchne. Sieht man bei Rieke schon einen Bauch? Ich kneife die Augen zusammen, schwer zu sagen. Und da breitet Frauchen auch schon die Arme aus und hebt ihr eines Bein, es geht los. Sie hebt ab. Ich m\u00f6chte meine Augen weiter \u00f6ffnen, ich m\u00f6chte ganz aufmachen, sie hereinlassen, diese Leichtigkeit, diese Kraft, diese Kontrolle. Alles an Frauchen ist so ohne Ende m\u00fchelos, so elegant, sie steht da wie ein Ypsilon, engelsgleich. Rieke nickt und dann ber\u00fchren sich \u00fcber Frauchens Kopf, hinter ihrem R\u00fccken, die H\u00e4nde und ihr Fu\u00df. Sie steht da, auf einem Bein, Schattenriss einer Lupe, Symbol der Weiblichkeit, gleich m\u00fcsste Rieke mit der Peitsche knallen und eine gro\u00dfe Katze w\u00fcrde durch Frauchens Kreis springen wie im Zirkus. Aber Frauchen gleitet einfach weiter, in einer nicht endenden, nicht stockenden, gleichm\u00fctig flie\u00dfenden Bewegung, l\u00f6st sich die Lupe auf, sie ist Honig, ist Wasser, ist eins mit der Zeit und dem All. Sie sinkt, die Arme zum Himmel ausgebreitet, zu Boden, ihre Beine gleiten nach vorne und hinten auseinander. In so vollendeter Langsamkeit landet sie im Spagat und gleitet direkt weiter, gleitet. Gleitet, schwimmt, schwebt, sie ist die Bewegung, die Konzentration, sie ist die Definition von Eleganz. <!--more-->Sie klappt das ausgestreckte Bein zusammen wie ein Armeemesser und dann gleitet der Unterschenkel einfach weiter, ungeachtet jeglicher Unm\u00f6glichkeit macht das Bein was gar nicht geht. Unwahrscheinlicherweise, als k\u00f6nne es sich noch einmal um dasselbe Kniegelenk wickeln, gleitet Frauchens Unterschenkel m\u00fchelos weiter und ihr Fu\u00df ist gestreckt wie bei einer Ballerina. Alles an ihr ist Haltung, alles Perfektion und da hat ihr Fu\u00df fast die zw\u00f6lf erreicht, er zeigt zur Sonne, auch wenn das anatomisch nicht m\u00f6glich ist, ich sehe es ja, bin Zeuge dieses Gebets aus Physis und Beweglichkeit, ich f\u00fchle es, ich m\u00f6chte ein Teil davon sein. Und in diesem Moment, wechselt ihr Gleiten die Richtung, tickt der Zeiger wieder mit der Zeit, nimmt ihr Bein langsam wieder normale Formen an. Ihr Hirn muss anders arbeiten als andere Menschenhirne. Ich kenne niemanden, der sich so bewegen kann, vielleicht am ehesten vergleichbar noch mit gedrillten Artisten im chinesischen Staatszirkus. Und dennoch ist es anders, diese Bewegungen hier sind von so unendlicher Einvernehmlichkeit, sie atmen die Umgebung, sie sind das Hier und Jetzt, sie geschehen und sind und m\u00fcssen sich nicht anstrengen, da ist kein Widerstand zu sp\u00fcren. Alles formt sich nach diesen Bewegungen, als sei Frauchen das Herz und die Zeit sei das Blut und dann bin ich mir irgendwie nicht mehr ganz sicher, aber f\u00fcr mein Gef\u00fchl hatte Frauchen pl\u00f6tzlich nichts mehr an, jedenfalls gleitet sie vollkommen vollendet von einer Form in die n\u00e4chste, nackt, wenn ich es richtig sehe, formt sie ihre eigene Zeit, knetet sie wie Kinderknete. Und ihre Schildkr\u00f6tenh\u00e4ndchen massieren mich, und dann f\u00fchle ich es einsteigen,  in mich einsteigen, ein Gef\u00fchl, wie wenn man Lagerfeuerhitze auf der Haut f\u00fchlt, wie sie in den K\u00f6rper eindringt, so \u00e4hnlich, nur schneller, tiefer. Diese Bewegungen gehen in mich \u00fcber, ich kann gleiten wie sie, ich f\u00fchle und verstehe die Zeit wie sie. Ich surfe auf ihrer L\u00e4ngenwelle, ich spreche ihre Sprache und wir schweben, tanzen, gleiten. So ein Morgen. Frauchens Terrasse, die Sonne und Rieke h\u00f6rt einfach nicht auf, vollkommen penetrant direkt vor meinem Gesicht zu schnippsen, vor meinem Gesicht, neben meinem Ohr, einmal, f\u00fcnfmalzehnmalhundert, unendlich &#8211; sie h\u00f6rt nicht auf und da, pl\u00f6tzlich, merke ich, dass ich vollkommen nackt auf Frauchens Yogamatte sitze, Beine gespreizt, Rosette Richtung Fensterfront, Oberk\u00f6rper vorgebeugt. Frauchen kichert leise, ich drehe den Kopf, klappe meine Pracht langsam, aber leider eher mittelm\u00e4\u00dfig elegant ein. Wie komme ich hier her? Was tue ich auf der Matte, der Terrasse, wo sind meine Sachen, warum bin ich nackt? Ich blicke Richtung Klappstuhl, Richtung Rotwein. Beides umgekippt und in zwanzig Meter Entfernung. Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wie ich von dort hier her gelangt bin, wie ich meine Kleider verloren habe, was ich sonst noch angestellt habe &#8230; Ich und Yoga? Habe ich versucht, Yoga zu machen? Frauchen lehnt gegen das Fenster neben der T\u00fcr, sieht mir zu mit gl\u00e4nzendem Blick, den Mund hinter einem unversch\u00e4mt flauschig aussehenden Riesenhandtuch verborgen, wie auch den Rest ihres kleinen \u00c4ffchenk\u00f6rpers.<br \/>\nFrauchen schl\u00fcpft zur\u00fcck ins Haus. Sofort erscheint Riekes Gesicht vor meinem:<br \/>\n\u201eWir sind immer noch ihre Angestellten\u201c, faucht sie, \u201ebist du high?\u201c<br \/>\nIch f\u00fchle mich wie ein Frosch. Nackt und deplatziert. Ich sch\u00fcttele den Kopf, will ins Bett. \u201eIch will \u2026\u201c<br \/>\n\u201eSie ist unsere Arbeitgeberin! Du kannst hier nicht den Ichzeigdirmeinarschlochtanz tanzen?!\u201c<br \/>\nUnd da sehe ich ein Lachen in ihrem Mundwinkel z\u00fcnden und ich wei\u00df, jetzt heben wir ab und ich mache den ersten lauten Lacher und dann pl\u00e4tschern wir uns hoch, wie man beim H\u00e4ndeturmspiel, bei dem man immer die unterste Hand herauszieht und oben wieder oben auf den Turm draufklatscht und immer schneller wird, bis am Ende alle nur noch wild ihre H\u00e4nde auf den Tisch klatschen, so werden wir lachen, wild und hemmungslos. Und Rieke steigt ein, wirft ihr Lachen auf meins, ich lache zur\u00fcck, sie lacht und ich lache und wir lachen aufeinandermiteinander, laut und offenmaulig und Rieke nimmt mich in den Arm, sie wirft sich mir um den Hals und wir fallen hin und ich kann f\u00fchlen, wie mein Pimmel gegen ihren nackten Oberschenkel schlackert und das ist mir peinlich, Rieke ist meine Schwester, nichts, was sie nicht kennt, aber Ber\u00fchrungen &#8230; egal, denke ich, jetzt. Jetzt sind wir hier und wir lachen laut, wir lachen, dass ich Frauchen, unserem Chef, sch\u00f6n mein Arschloch gezeigt habe. Wir liegen auf dem R\u00fccken und schnappen nach Luft, ab und zu hauen wir uns mit der Hand auf den Bauch, Gackern, Japsen, St\u00f6hnen, greifen nach Luft, Nachschub f\u00fcr mehr Lachen. Kurz sind wir sechs und vier Jahre alt und es gibt auf der ganzen Welt keinen Grund jemals mit dem Lachen wieder aufzuh\u00f6ren. Als wir uns gerade beruhigt haben, alles in uns aber noch wallt und kribbelt, sich der ganze Leib noch anf\u00fchlt wie aus Brausepulver, spitzt Rieke den Mund und macht Knutschger\u00e4usche, ich sehe sie an und sie sagt: \u201eDas Schmatzen der Yogarosette\u201c, und wir brechen wieder in Gel\u00e4chter aus. Eine Minute lang oder hundert. Meine Bauchmuskulatur brennt, ein Schmerz aus Lachen.<br \/>\n\u201eR\u00fcckkehr des Yoga-Lehrers\u201c, sage ich, als ich wieder reden kann.<br \/>\nDanach gehen wir hinein, durch das Schlupfloch in diesem Horizont aus Glas, wir durchqueren mehrere Trainingsr\u00e4ume und einen Sauna-Bereich, ein Dampfbad, Duschen und so weiter, laufen auf eine K\u00fcche zu. Dort wartet ein Wellnessfr\u00fchst\u00fcck mit Frauchen. Zu dritt, im Stehen, in ihrer Spa-K\u00fcche im Spa-Bereich. Wortlos. Wir blinzeln uns nur abwechselnd zu. Verschmitzte Blicke, grinsen, l\u00e4cheln, zwinkern, es ist ein Spiel.<br \/>\nWir essen K\u00f6rnerbrei. Wir trinken Beerensmoothies. Wir fangen freie Radikale, st\u00e4rken Abwehrkr\u00e4fte und beugen Osteoporose vor. Bin noch immer ein wenig benommen vom Lachen, vielleicht auch vom fr\u00fchen Rotwein.<br \/>\n\u201eMan darf nicht mit sich aasen\u201c, sagt Frauchen zwinkernd und weil so lange keiner was gesagt hat, ist es, als mei\u00dfelte sie diese Worte vor uns in die Luft. \u201eMan muss auf sich Acht geben, gut f\u00fcr sich sorgen, man muss seine Leistungsf\u00e4higkeit erhalten, nur dann wird man etwas ausrichten k\u00f6nnen, sein Ziel erreichen.\u201c Sie nickt in ihrer perfekt eleganten K\u00f6rperbeherrschungsnummer und das unterstreicht jedes ihrer Worte nachtr\u00e4glich und malt unz\u00e4hlige Ausrufezeichen darum herum und sie hat so Recht mit allem, was sie sagt.<\/p>\n<p>Eine Kuh kann man nicht alleine tragen.<br \/>\nGruber \u00e4chzt und sicher erwartet er ein Trinkgeld von mir. Wir ziehen den monstr\u00f6sen Leib aus der K\u00fchlkammer auf die Hebeb\u00fchne. Gruber streckt den R\u00fccken durch, ich ignoriere seine Blicke und dass er lange wartend neben mir steht. Ich bereite mein Sieb vor, w\u00e4hle meine Messer und Instrumente. Dann knurrt Gruber irgendwas und humpelt raus. Ich rufe ihm ein \u201cDanke!\u201d hinterher.<\/p>\n<p>\u201cSie macht mir Angst\u201d, hatte Rieke gesagt.<br \/>\nDar\u00fcber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Dass von dieser Frau eine tats\u00e4chliche Gefahr ausgehen k\u00f6nnte. Dass sie wahnsinnig w\u00e4re und uns alle in den Tod rei\u00dfen k\u00f6nnte oder wenigstens in ihre wahnsinnige Welt. Und wenn schon. Vielleicht hatte ich es ja sogar gedacht und sofort im Junk-Ordner abgelegt und wieder vergessen. Mir doch egal. Was h\u00e4tte ich denn zu verlieren. Eine abstruse Welt, der ich mich kaum zugeh\u00f6rig f\u00fchle, ein sogenanntes Ich, das ich nicht mochte, und Aussicht auf ein Leben, das vor allem aus Verfall und schwindenden M\u00f6glichkeiten besteht.<br \/>\n\u201cMir nicht\u201d, hatte ich geantwortet, aber in dem Moment, in dem ich es sagte, konnte ich sp\u00fcren, dass das nicht die Wahrheit war. Da war ein Zwicken, direkt unter dem Rippenbogen, ein beunruhigendes Zwicken, ein Stechen fast, das etwas anzuk\u00fcndigen schien. Ich fasste mir an die Brust und Rieke sah auf und fragte: \u201cAlles gut?\u201d Ich nickte.<br \/>\nWir sa\u00dfen auf ihrem Rasen unter einem ihrer vielen exotischen B\u00e4ume, die ihr Hausmeister in ihrem Park zu sammeln schien, wir tranken ihren Tee aus ihrem edlen Service. Rieke und ich. Hier und pl\u00f6tzlich und wortlos wiedervereint. Dieser Park, riesig und gr\u00fcn, wirkte dennoch wie eine organische Erweiterung des Wohnbereiches, absolut unchaotisch, nichts deutete auf eine Einmischung seitens der Natur hin. Gruber hatte alles im Griff, nirgendwo wuchs etwas, was er dort nicht wachsen haben wollte. Kein Blatt und kein Halm schien sich \u00fcber die von Gruber erteilte Maximall\u00e4nge hinaus zu trauen.<br \/>\n\u201cSie tickt nicht ganz richtig\u201d, sagte Rieke und tippte sich an den Kopf. Ich musste lachen. Nat\u00fcrlich nicht.<br \/>\n\u201cAber das macht sie nicht gef\u00e4hrlich \u2026\u201d<br \/>\nRieke strahlte mich an, gl\u00fccklich, \u00fcbergl\u00fccklich. \u201cSieh mich an\u201d, rief sie. \u201cWie gut es mir pl\u00f6tzlich geht!\u201d Ich nickte, ich verstand nicht. \u201cWie einfach alles ist, wie mir pl\u00f6tzlich alles gelingt &#8211; mir!\u201d Ich nickte und verstand es immer noch nicht. \u201cKann das sein?\u201d, rief meine Schwester, sie stand auf und drehte eine \u00fcberschw\u00e4ngliche Pirouette auf dem teppichartigen gr\u00fcnen Rasen. Dann beugte sie sich vor und sprach mir leise mitten ins Gesicht: \u201cDas ist es, was mir Angst macht!\u201d<br \/>\n\u201cVerstehe ich nicht.\u201d<br \/>\n\u201cLoris, sieh dich mal um\u201d, und Rieke fuhr den Arm aus und schwenkte ihn gro\u00dfz\u00fcgig um sich. \u201cAlles hier gelingt! Alles geht auf. Alle W\u00fcnsche werden wahr!\u201d<br \/>\n\u201cJa.\u201d<br \/>\n\u201cJa? Ich komme hier her und von einem Tag auf den anderen habe ich kein Suchtproblem mehr? Die Schmerzen sind verschwunden, ich kann schlafen?\u201d<br \/>\n\u201cSei doch froh.\u201d<br \/>\n\u201cWir sind wieder gut?\u201d<br \/>\n\u201cJa.\u201d<br \/>\n\u201cIch meine \u2026\u201d<br \/>\n\u201cAchso. Ja. Tr\u00e4ume werden wahr. Was hast du dagegen einzuwenden?\u201d<br \/>\n\u201cDas kann nicht gut gehen.\u201d<br \/>\n\u201cRieke!\u201d<br \/>\n\u201cW\u00fcnsche sind nicht zum Erf\u00fclltwerden da.\u201d<br \/>\n\u201cSondern?\u201d<br \/>\n\u201cWenn es so einfach w\u00e4re. W\u00fcnsche sind keine Auftr\u00e4ge.\u201d<br \/>\n\u201cAber \u2026 stell dir vor, du l\u00e4ufst durch den Wald und findest irgendwo eine Hecke voll von reifen, saftigen Himbeeren. Nat\u00fcrlich bleibst du stehen und greifst rein. Angenommen, wir haben hier grade ein merkw\u00fcrdiges Ph\u00e4nomen in der uns unverst\u00e4ndlichen Mechanik des Kosmos, erstaunlicherweise direkt und nur hier. Warum sollten wir nicht daran teilhaben?\u201d<br \/>\n\u201cSei blo\u00df froh, dass du eine kleine Schwester hast, die immer auf dich aufpasst\u201d, sagte Rieke in einem erschreckend mitleidigem Ton und streichelte mir liebevoll quer durchs Gesicht, \u00fcber meine linke Wange und die Nase, wie sie es immer machte, als w\u00fcrde sie mir Rotze vom Mund wischen. R\u00fcckkehr der erlaubten Ber\u00fchrungen. Alles ist pl\u00f6tzlich wieder da, stellte ich fest. \u00dcbergangslos, von jetzt auf gleich, keine Zwischenzeit. Alles war verboten, nichts ist mehr unerlaubt. Keine Unsicherheiten zwischen uns, kein Z\u00f6gern, kein Zaudern. Als w\u00e4re nichts gewesen. Und das, da hatte sie Recht, war eigentlich unfassbar. Eben noch wollte ich ihren Kopf gegen W\u00e4nde schlagen, jetzt streichelte sie mein Gesicht. Ein Wunder? Meistens ist der, der vergibt, ja nur irgendwann m\u00fcde geworden, seine Vorw\u00fcrfe weiter aufrecht zu erhalten. Dann verwischt mit der Zeit der Schmerz, verw\u00e4ssert die Wut, nutzen sich die Gedanken an Rache langsam ab. Meistens ist der Vergebende gar nicht weise oder anderer Meinung, sondern faul. Er hat keine Kraft mehr, seine Haltung aufrechtzuerhalten, sie auszustrahlen. Aber das hier war anders. Ich habe weder Leidenschaft eingeb\u00fc\u00dft, noch war ich ohne Kraft (im Gegenteil!), verziehen hatte ich ihr auch nicht. Ich f\u00fchrte nur keinen Kampf mehr, hatte auf seltsame Weise verstanden, dass es keinen Sinn machte, mich weiter zu wehren. Rieke ist ein Teil von mir. Auch wenn ich weiter falsch finde, dass sie nichts gesagt hat, all die Jahre, kann ich es nicht leugnen: Wir geh\u00f6ren zusammen. Meine Wut trifft vor allem mich selbst. Ich habe verstanden: zulassen, aufmachen, einlassen. Es sind pl\u00f6tzlich keine Widerst\u00e4nde mehr in mir vorhanden. Alles, womit ich mich st\u00e4ndig in der Welt verhakt habe, ist nicht mehr da. Mein Lebensgef\u00fchl ist pl\u00f6tzlich: Wollsocken auf Plastikfu\u00dfboden.<br \/>\n\u201eSieh dir nur diesen Garten an! Meinst du EIN einzelner G\u00e4rtner w\u00e4re in der Lage&#8230;\u201c, Rieke sch\u00fcttelte den Kopf, verga\u00df die Worte und ihre Hand umrandete stattdessen elegant das St\u00fcck Welt, das vor ihren Augen lag.<br \/>\nEs stimmte, was sie sagte. Auf eine eigent\u00fcmliche, aber eindeutig begl\u00fcckende Weise gelang an diesem Ort alles. Aber woran das lag? An Frauchen? Wie und warum? Ich konnte es nicht sagen. Vielleicht strahlte ja auch irgendeine unbekannte unterirdische Kraft aus dem Erdinneren. Es gibt immer unendlich vieles, was man nicht wei\u00df. Und das wird sich niemals \u00e4ndern.<br \/>\n\u201eIch w\u00fcnsche mir, dass ihr etwas zust\u00f6\u00dft. Dann w\u00e4re der ganze Spuk einfach vorbei\u201c, sagte Rieke und schnaubte. Sie sah mich nicht an.<br \/>\n\u201eWenn deine Theorie stimmt &#8211; w\u00e4re das dann Mord?\u201c<br \/>\nIhre rechte Schulter zuckte minimal nach vorn. \u201eManchmal muss man Opfer bringen \u2026\u201c, mit einem kleinen St\u00f6ckchen malte sie ein Zeichen auf den Rasen, das ich nicht erkennen konnte, es l\u00f6ste sich im Moment des Zeichnens auf. Schrieb sie ein Wort? Wollte sie mir etwas mitteilen? Ich sah sie an und l\u00e4chelte. Rieke sagte: \u201eWenn das wirklich Mord w\u00e4re, w\u00e4re es die einzig richtige Entscheidung.\u201c<\/p>\n<p>Die K\u00e4fer sind geschl\u00fcpft. Ein unterentwickeltes, unkoordiniertes Tanzen belebt das Terrarium. Aufsichtsrats Reste oder K\u00fche gar w\u00e4ren zu gro\u00df, selbst f\u00fcr K\u00e4ferhundertschaften, aber ich habe genug zu erledigen f\u00fcr meine Dornspeckheinzelm\u00e4nnchen. Es gibt kein Verfahren, Kleintiere so perfekt und sauber zu entfleischen, ohne Sch\u00e4den zu hinterlassen.<br \/>\nIch habe vor ein paar Tagen insgesamt acht Kleintierfallen in Hubers Garten ausgebracht. Nehmen, was die Natur mir schenkt. Einmal wird eine Armee aus Eichh\u00f6rnchen kopf\u00fcber von der Decke h\u00e4ngen und freundlich l\u00e4cheln. Und ihre Skelette werden rattengleich zu hunderten aus den Ecken kriechen.<\/p>\n<p>Ich hatte noch nie zuvor eine Kuh ausgeweidet. Es f\u00e4llt viel Abfall an. Eine Menge Fleisch, eine Menge Knochen, so viel Magen, Darm, Blut. Und g\u00e4be es hier nicht wie ganz selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr alles bereits eine L\u00f6sung, m\u00fcsste man sich fragen: wohin damit?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Habe mir extra den Wecker auf Yoga gestellt. 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