{"id":939,"date":"2014-09-29T15:17:21","date_gmt":"2014-09-29T13:17:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=939"},"modified":"2014-09-30T11:52:25","modified_gmt":"2014-09-30T09:52:25","slug":"mutierst-du-jetzt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=939","title":{"rendered":"Mutierst du jetzt? [ 43 ]"},"content":{"rendered":"<p>Einmal, mit acht, habe ich einen Jungen vergiftet.<br \/>\nKleiner Spast aus der Stra\u00dfe, dumm wie frischer Schinken, zwei Jahre j\u00fcnger als ich, hielt immer nach mir Ausschau, klebte mit seinem feisten Gesicht an der K\u00fcchenfensterscheibe und sobald ich vor die T\u00fcr kam, stand er bei mir, wollte mitmachen. Was auch immer. Und weil ich diesen hartn\u00e4ckigen kleinen Mistsack nicht loswurde, habe ich ihn eben mitgenommen. Habe mir Schweinereien f\u00fcr ihn ausgedacht, die ganzen Sommerferien lang. Schickte ihn klauen, lie\u00df ihn vor Haust\u00fcren kacken, lie\u00df ihn einmal einen Briefkasten aufbrechen und die Beute in meinen Garten bringen. Solche Sachen. Lag abends im Bett und dachte mir neue Aufgaben f\u00fcr Dumpfback aus. Und am vorletzten Ferientag habe ich ihm eine Geschichte erz\u00e4hlt von einem Helden, der seine Kraft aus Pilzen bezieht und ich habe ihm gesagt, wenn er Superkr\u00e4fte haben will, dann muss er wohl so viele Pilze fressen, wie nur m\u00f6glich. Ich zeigte ihm die Pilze an den B\u00e4umen, unter den Str\u00e4uchern und B\u00e4umen am Waldrand und auf den Wiesen. Er verzog den Mund angewidert, aber er biss sich durch, stopfte sich voll. Gierig. Warum ich keine Pilze essen wolle. Weil ich nur sein Assistent sein w\u00fcrde. Batmans Robin sozusagen. Sherlocks Watson. Es gibt immer einen Helden und einen Typen daneben, der mit seiner Mickrigkeit den Helden erst so richtig gro\u00df macht. Wie im echten Leben. Mit vollen H\u00e4nden stopfte er sich die H\u00fcte in sein kleines, dummes Maul, kaute wenig, schluckte viel. Mit solcher \u00dcberzeugung, dass ich selbst bald anfing zu glauben, er k\u00f6nne zu einem Helden mutieren. Ich sah ihm in die Augen, gespannt, ob sie sich f\u00e4rbten, weiteten, verfl\u00fcssigten, f\u00fchlte seine Hand, die Temperatur, genoss in mir drin die Macht. Da war es wieder: Leben und Tod. Ich brauchte nur ein paar Worte, konnte einen Menschen beenden. Unter all diesen Pilzen w\u00fcrde wohl wenigstens einer sein, der t\u00f6dlich giftig war. \u201eSp\u00fcrst du schon die Ver\u00e4nderung?\u201c, fragte ich ihn, \u201eMutierst du jetzt?\u201c<!--more--><\/p>\n<p>\u201eIrgendwas\u201c, sagte er mit schwacher Stimme.<br \/>\nIch nickte: \u201eMach weiter\u201c, sagte ich.<br \/>\n\u201eMir is so schlecht\u201c, japste er. Ich nickte und erkl\u00e4rte ihm, dass Heldsein nicht umsonst sei. Sonst k\u00f6nne ja jeder in den Wald latschen und sich mit Pilzen vollfressen. Alles habe einen Preis. Und das Ticken war wieder da, stark und klar wie damals im Traum. Ich stand und f\u00fchlte die Macht. Sah die Vernehmungen schon vor mir, fragte mich, ob ich mir w\u00fcrde Tr\u00e4nen rausdr\u00fccken k\u00f6nnen, wenn die Polizei mich in die Mangel nehmen w\u00fcrde. Ob ich diese kleine Dumpfbacke schluchzend \u201emeinen Freund\u201c w\u00fcrde nennen k\u00f6nnen. Oh, ja, ich w\u00fcrde. Und es w\u00e4re das perfekte Verbrechen. Jeder w\u00fcrde glauben, dass der kleine Spast sich mit Pilzen vollgestopft hatte. So etwas w\u00e4re ja wohl nicht meine Idee, warum auch? Etwas in mir sagte, dass das, was ich hier tat, nicht richtig war. Aber Gott, es war auch nicht richtig Schokolade zu essen und im Stehen zu pinkeln. Nat\u00fcrlich wusste ich, dass es b\u00f6se war.<br \/>\nDumpfback wurde blass und bekam blaue Lippen, setzte sich und fing an zu st\u00f6hnen. \u201eGlaub, es geht los\u201c, sagte er und ich setzte mich zu ihm. Wei\u00df noch, das war der Moment, in dem mir die Angst kam. Klein und kitzelig, wohnhaft unterer Rippenbogen, Ferienhaus im Mundwinkel. Ach, ich war so klein und neugierig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einmal, mit acht, habe ich einen Jungen vergiftet. 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