{"id":946,"date":"2014-09-29T15:16:17","date_gmt":"2014-09-29T13:16:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=946"},"modified":"2014-09-30T11:52:41","modified_gmt":"2014-09-30T09:52:41","slug":"ich-sehe-mir-ihr-zimmer-an","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=946","title":{"rendered":"Ich sehe mir ihr Zimmer an [ 44 ]"},"content":{"rendered":"<p>Es geht mich nichts an. Es kann mir egal sein. Aber das Stechen in der Brust will etwas anderes, es sagt mir: Alles was mein Leben betrifft, geht mich etwas an und diese Frau, dieser Moment, diese Situation, dieses Projekt, das alles bin ich, sind Teile von mir, das ist mein Leben, nat\u00fcrlich geht es mich etwas an.Meine Finger fahren den Spalt zwischen T\u00fcr und Zarge entlang und ich m\u00f6chte mit der Nase daran entlangfahren, die Luft von dr\u00fcben, von drinnen, von drau\u00dfen, aus Frauchens Welt riechen, atmen, in mich hineinziehen, durch den Schlitz gierig in mich hineintanken, mich vollmachen, die ganze Brust mit Frauchens Luft.<br \/>\nIch kenne das Erdgeschoss, einen Teil des Kellers und die zweieinhalb Zimmer unter dem Dach, Riekes Wohnung. Zweieinhalb Stockwerke sind mir komplett unbekannt. Riesige Areale m\u00fcssen das sein, ich habe keine Ahnung, was hinter diesen T\u00fcren geschieht oder wie es dort aussieht. Gruber muss hinter einer der T\u00fcren wohnen. Aber was macht Frauchen mit all dem Raum? Die T\u00fcren sind mit einem Code gesichert, mir unzug\u00e4nglich.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Kreditkarte in Frauchens T\u00fcrspalt, mit Schwei\u00df auf der Stirn, merke ich, dass man diese T\u00fcr nicht einfach so aufkriegt. Irgendeine Art Spezialschloss und die T\u00fcr, schwer und massiv, bewegt sich nicht, auch wenn ich mich dagegen werfe. Der Rahmen aus wei\u00df lackiertem Stahl. Rechts an der Wand ist ein Ziffernblock zur Eingabe eines Codes. Dann eben nicht, denke ich und will gehen und dann denke ich, ich muss nur lauschen, ich muss nur mir selbst zuh\u00f6ren, muss es nur suchen gehen. Muss tiefer in mich hinabsteigen und dort irgendwo werde ich die Antwort finden. Und ich denke an Frauchen, an ihre d\u00fcnnen Marathonbeine, an ihr Gleiten im Raum, an Frauchen in vollendeter Zeitlupe und ich sehe mich selbst im Flug, ich sehe meine H\u00e4nde und wie sie eine elegante Choreographie tanzen. Ein Finger h\u00fcpft jetzt von Zahl zu Zahl, die Tasten geben nach unter dem sanften Druck meiner tanzenden Hand. Da pl\u00f6tzlich summt es und klackt und dann springt die T\u00fcr auf, \u00f6ffnet sich einen fingerbreiten Spalt. Ich bin zur\u00fcck im Hier, dr\u00fccke sie auf, gehe hinein. Es zieht mich in den sich \u00f6ffnenden Raum, auf einen glatten Steinflur. Ich laufe durch G\u00e4nge, Schl\u00e4uche, R\u00e4ume. So viel Platz. Gro\u00dfe, leere Fl\u00e4chen, wundersch\u00f6n gestaltet, minimalistisch best\u00fcckt, offene, gro\u00dfz\u00fcgige R\u00e4ume, viel Naturstein und altes Holz. Wendeltreppen und viele Fenster. Aber wie unbewohnt. Ich laufe durch diese R\u00e4ume und wo ich eine Schublade sehe, ziehe ich sie auf, ich sehe mich um, so gut es geht. Aber alles ist leer. Die ganze Aufregung umsonst, aber mein Herz h\u00f6rt nicht auf, h\u00e4mmert fest im Hals, pr\u00fcgelt auf mich ein. <\/p>\n<p>Dann ein kleiner Raum mit einer Matratze. Ein Kleiderschrank, ein Spiegel, ein Waschbecken, und ein Klo. Private Gegenst\u00e4nde. Dinge, die vielleicht Frauchen geh\u00f6ren, eine kleine mickrige Pflanze, trist und langweilig, unkrautartige lange, kahle Stiele, ein Schwamm, eine B\u00fcrste, Handcreme, ein paar Zeitschriften (Psychologie Heute, Gala, Brand Eins), ein Bikini, eine Brille und ein Block mit einfachen, aber durchaus gekonnten Bleistiftskizzen. Auf einer bin ich zu sehen. Oder? Dieses M\u00e4nnchen m\u00fcsste ich sein und um mich herum die Tiere, das k\u00f6nnte passen. Ein Gesicht habe ich nicht, aber das bin ich. Ich rei\u00dfe es aus dem Block und stecke es ein. Alles, was mein Leben betrifft, geht mich nat\u00fcrlich etwas an. Ich hebe das Bikinih\u00f6schen auf und rieche daran. Getragen. Ein sanfter, s\u00fc\u00dfer Geruch, ein bisschen Chlor. Ich lecke und schmecke nichts, nur das merkw\u00fcrdige Polyesterkitzeln auf der Zungenspitze und dann stopfe ich mir das ganze H\u00f6schen in den Mund, ich esse es, kaue und kurz bevor ich schlucke, spucke ich es doch wieder aus, mir vor die F\u00fc\u00dfe. Hab ich dich, Frauchen. Drei Paar Schuhe stehen an der Wand. Ich rieche am Kopfkissen. Lavendel und Haar. Zu gro\u00df f\u00fcr mein Maul, ich w\u00fcrde es fressen.<br \/>\nAm Ende des Flurs eine Fl\u00fcgelt\u00fcr, dahinter &#8211; ich muss die Augen zusammenkneifen &#8211; sind wei\u00dfe W\u00e4nde, wei\u00dfe Dielen, ein bei\u00dfendes, augenbet\u00e4ubendes Wei\u00df. Wei\u00dfe S\u00e4ulen vor der Fensterfront. Vier St\u00fcck. Man geht sicher acht, neun Schritte von einer bis zur n\u00e4chsten S\u00e4ule, dieser Raum ist so gro\u00df wie meine Werkstatt. Frauchens Atelier. So viel Licht knallt durch die riesige Fensterfront, dass einem schwindelig wird. Leinw\u00e4nde, Staffeleien, Farben, Pinsel, Spachtel stechen scharfkantig aus dem brennenden wei\u00dfen Hintergrund. Sie malt also. Ein K\u00f6nigreich f\u00fcr eine Sonnenbrille. Verst\u00e4rken die Fenster das Licht? Gibt es das? Lichtverst\u00e4rkendes Glas? Wenn es das gibt, hat Frauchen es mit Sicherheit.  An eine der W\u00e4nde sind Fotos gepinnt. Zeitungsartikel, Buchseiten, aus Magazinen ausgerissene Bilder. Dieser Raum ist das einzige Element von Chaos in dieser irritierend streng geordneten Wohnung. Zusammen mit den Gl\u00e4sern, in denen die benutzten Pinsel in einer L\u00f6sung stehen und aussehen wie Blumenstr\u00e4u\u00dfe ohne Bl\u00fcten oder wie im letzten Moment gehaltene Mikadost\u00e4bchen. Ein paar Farbkleckse auf dem wei\u00dfen Boden. Ansonsten: eine mathematisch wirkende Ordentlichkeit. Kontrollierte Leere. Lichtnahrung?<br \/>\nDas Bild auf der Staffelei ist mit einem St\u00fcck Stoff abgeh\u00e4ngt. Ich sehe aus dem Fenster. Sie sieht genau auf meinen Schuppen, auch wenn sie nicht hineinsehen kann. Aber sicher hat sie Kameras installiert und die Bilder werden direkt auf ihr Tablet \u00fcbertragen.<br \/>\nIch sehe in den gelben K\u00fchlschrank, der selbstbewusst im Raum steht: Teures Wasser in schweren Glasflaschen. Ich nehme eine Flasche und trinke und das Wasser geht nur so in mich hinein, es l\u00e4uft einfach, und es schmeckt, denke ich, es schmeckt, dieses Wasser ist so unendlich mild, es ist als streichelte es Mund und Hals ganz sanft von innen, Schluck f\u00fcr Schluck. Das ist gutes Wasser, Frauchens Wasser, nat\u00fcrlich. Wahrscheinlich irgendein Yoga-Wasser aus dem Himalaja. Ich trinke und trinke die ganze Flasche aus und ich nehme noch eine zweite und auch die gleitet einfach in mich hinein, ohne dass ich ein einziges Mal absetze, einfach rein, kein Verschlucken, kein Aufsto\u00dfen. Und langsam haben sich meine Augen an die Helligkeit gew\u00f6hnt. Mit Pupillen klein wie Kugelschreiberspitzen gehe ich auf ihre Staffelei zu und greife nach dem Stoff, kurz halte ich inne, ich wei\u00df nicht wieso, und dann ziehe ich den Vorhang auf:<br \/>\nIch sehe einen Mauerspatzen, sehr nah, sehr gro\u00df, riesig, von vorn, hinter ihm mehr Mauerspatzen, ein Schwarm, sie stehen in der Luft wie gefroren, wie im Flug gestoppt, in einer seltenen Bewegung f\u00fcr immer festgehalten: dem Moment des Entschlusses zur Flucht. Und ganz hinten im Bild, kaum zu sehen, im dunklen Hintergrund, oben auf der Treppe: Beine von Menschen. Plastinierten Menschen. Ich laufe an der riesigen Leinwand entlang, sehe mir alles ganz genau an, ich atme die Farbpigmente, immer wieder sto\u00dfe ich mit meiner Nase gegen dieses fein ausgearbeitete Bild, ich fasse es nicht und nicht zu fassen ist auch, wie hyperrealistisch es aussieht, es ist als betr\u00e4te man einen Raum der wirklicher ist als die Wirklichkeit, eine Welt, genauer als alles Bekannte.  Ich<br \/>\nmuss mich setzen. Hinlegen. Wie kann sowas sein? Kann es das wirklich geben? Habe ich Angst? Ich zittere. Ob Gl\u00fcck oder Angst oder Ahnung oder Licht oder Kunst. Etwas geschieht. Ich habe nie so viel gef\u00fchlt wie seit Frauchen, denke ich, starre in ihr bei\u00dfendes Deckenwei\u00df und versuche, mich irgendwo zu halten, irgendeinen Halt zu finden, nicht abzudriften. Ich wei\u00df, ich muss mich erheben, ich muss raus. Ich habe hier nichts zu suchen, ich muss den Vorsprung retten, den minimalen, hauchd\u00fcnnen Vorsprung, dass ich wei\u00df, dass sie wei\u00df, wenn sie das nicht auch l\u00e4ngst wei\u00df, schon vorher wusste- es w\u00e4re ein unm\u00f6gliches Gl\u00fcck, Frauchen endlich einen Schritt voraus zu sein.  Aber ich kann nur liegen und Zweifel sein:<br \/>\nWie kann das sein, dass einer davon wei\u00df in der Welt? Das kann nur ich gesehen haben. Ich habe nie jemandem ein Sterbensw\u00f6rtchen davon gesagt. Wie kann das jemand wissen? Kann etwa ein anderer dasselbe sehen, aus einer minimal anderen Perspektive? Was ist das dann, was wir da sehen? Was soll das? (<br \/>\nOder hat sie mir auf irgendeine Art Gedanken in den Kopf getan? Gepflanzt? Wie ein Kind in den Bauch? Hat sie mein Hirn besiedelt, benutzt, hat sie \u2013 kann das einer k\u00f6nnen? Etwas in den Kopf eines anderen tun und es wachsen lassen, es immer wieder f\u00fcttern und n\u00e4hren und dieser andere merkt nicht, dass in ihm fremde Gedanken gedeihen, und sie f\u00fcr die Eigenen h\u00e4lt. Aber wie nur? Wie? Handauflegen? K\u00f6nnen diese kleinen Schildkr\u00f6tenh\u00e4nde Gedanken senden, Gedankenkeimlinge, Gedankensamen? Wie lange sind meine Gedanken schon meine Gedanken? Wie lange geh\u00f6ren meine Tr\u00e4ume schon nicht mehr mir selbst? Wie lange schon, bin ich vielleicht nicht mehr als ein Brutkasten f\u00fcr dieses merkw\u00fcrdige kleine Hirn?<br \/>\nIch sehe mich um. Links und rechts der Staffelei stehen weiter Leinw\u00e4nde, ebenfalls mit wei\u00dfem Stoff bedeckt. Ich sehe sie mir an, ziehe nach und nach die Stoffe herunter. Ich sehe: Nahaufnahmen des menschlichen K\u00f6rpers, Ansichten wie aus einem Biologiebuch, Aufbau der Knochen, der Muskeln, des Nervensystems, enth\u00e4utete Menschen, Totalen, Nahaufnahmen, Makros. Studien.<br \/>\nIch  stolpere einige Schritte, bis ich mich fangen kann. Ich breite die Arme aus, versuche meine alte Mitte zu finden, einfach nur zu stehen, gerade, ohne zu wanken. Ich sammele mich langsam und wanke dann Richtung T\u00fcr. Auf der anderen Seite der Fl\u00fcgelt\u00fcr stehe ich dann eine ganze Weile, die Klinke noch in der Hand, wie um mich zu vergewissern, dass ich die T\u00fcr auch wirklich geschlossen habe.<br \/>\n\u201cKomm\u201d, sagt jemand. Ich fahre zusammen. Drehe mich um, sehe auf, sehe: Rieke.<br \/>\n\u201cIch bin nur deinetwegen hier her gekommen. Nur, damit du nicht verloren gehst. Ich will, dass wir jetzt gehen.\u201d<br \/>\n\u201cRieke!\u201d<br \/>\n\u201cBitte.\u201d<br \/>\n\u201cRieke, oh mein Gott, ich &#8230;<br \/>\n\u201eLos, jetzt!\u201c<br \/>\n\u201eRieke, so einfach ist das nicht.\u201c<br \/>\n\u201eDoch, genau so einfach ist das. Jetzt und los.\u201c<br \/>\n\u201eIch&#8230; ich bin noch nicht fertig mit dieser Sache hier. Wei\u00dft du, ich. Sie.\u201c Ich fuchtele mit meinen Armen um meinen Kopf, als k\u00f6nnte ich so etwas von dem erkl\u00e4ren, was hier geschehen ist, geschieht, geschehen kann, wird. Ich sch\u00fcttele den Kopf, weil Worte fehlen, Gesten, weil manche Dinge nicht aussprechbar sind.<br \/>\n\u201cDu wirst nie fertig damit.\u201d<br \/>\n\u201cRieke, bitte, das verstehst du nicht. Das ist die Chance meines Lebens&#8230; Ich&#8230; ich fange gerade erst an zu verstehen, was hier \u2026\u201d<br \/>\n\u201cLoris, wir m\u00fcssen weg von hier. Das ist nicht gut f\u00fcr uns.\u201d<br \/>\n\u201cRieke \u2026\u201d<br \/>\n\u201cF\u00fcr unser Kind\u2026\u201d<br \/>\n(unser Kind?)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es geht mich nichts an. Es kann mir egal sein. 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