{"id":949,"date":"2014-09-29T15:15:39","date_gmt":"2014-09-29T13:15:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=949"},"modified":"2014-09-30T11:52:58","modified_gmt":"2014-09-30T09:52:58","slug":"ode-an","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=949","title":{"rendered":"Ode an [ 45 ]"},"content":{"rendered":"<p>Oh, kleine gute Stadt. Oh, gl\u00fccklicher Ort, du heitere Welt, du goldenes Licht, du gr\u00fcnes, gr\u00fcnes Gras, du flaches Land, du \u00dcbersichtlichkeit, du Gartenzaun. Du Hecke, du Stra\u00dfe, du Biosupermarkt. Du Kinderwagen und freundlicher Nachbarschaftsgru\u00df, du joggende Lebendigkeit. Du Nieselregen, du Fu\u00dfballkneipe, du gr\u00fcne Stadt. Du Kirchturm, du Reetdach, du kulturinteressiertes kleines Ding, du gro\u00dfe Stadt mit d\u00f6rflichem Charme, du Stadt gewordenes Dorf, du Fahrrad, du Gem\u00fcsekiste, du Gr\u00fcnkohl und Pinkel, du Gem\u00fcsesuppe und Kaffeekultur, du Friesentee und minimale Metropolregion, du niemals aus den Fugen geratene, du beschauliche, gem\u00fctliche, liebenswerte Stadt, du verwinkeltes Ding, du. Du Hort des Gl\u00fccks, du freilaufende Kuh, du gl\u00fcckliches Huhn, du Biopastinake, du mit deinen vielen alten H\u00f6fen, machst mich ganz verlegen, wie du dich da unschuldig r\u00e4kelst, oben im Norden, und dich uneitel im Nieselregen aufh\u00e4ltst.<!--more--> Du bist kein geiler Bock, du bist nicht hip, du bist kein Ungeheuer, hier geht man gern und ohne Risiko flanieren, hier kommen kaum Touristen oder nur solche, die sich zu benehmen wissen, nicht Touristen wie Berlin und Paris sie haben, Touristen, die so sind, wie das Wort schon klingt: gruselig und aggressiv, wie Terroristen, nur lauter und selbstbewusster. Nein, du bist anders, du bist Oldenburg, deine Touristen kommen mit dem Rad, deine Touristen haben Reisef\u00fchrer, gehen in Museen und nehmen blutdrucksenkende Pr\u00e4parate. Du bist, was du bist, und das ist f\u00fcr dich v\u00f6llig okay. Vielleicht nicht Rio und nicht Palma, aber das wei\u00dft du schon seit einer Ewigkeit und es geht dir gut damit, das sp\u00fcrt man doch an jeder H\u00e4userecke, du bist Oldenburg. Und das gef\u00e4llt mir am meisten. Ich liebe all die, die einfach okay mit sich sind, denn ich wei\u00df, wie schwer das ist, okay mit sich zu sein, sich nicht jeden Tag neu und anders zu entwerfen und zu denken und zu sehnen. Du bist Oldenburg und ich liebe dich. Ich kann mich auf Anhieb in dir denken. Irgendwann komme ich und du nimmst mich auf und erz\u00e4hlst mir davon, wie es ist, Oldenburg zu sein. Fl\u00fcsterst leise s\u00e4uselnd in mein Ohr, ich verstehe gar nicht was du sagst, wahrscheinlich erz\u00e4hlst du mir Geschichten aus tausendundeinem Jahr Stadtgeschichte, deiner echten Stadtgeschichte, nicht der, die die Menschen sich \u00fcber dich erz\u00e4hlen, die Tourismusb\u00fcros und Lokalhistoriker sich gemerkt, erfunden und mit mickriger Schreibe notiert haben, nein, deine Geschichte, deine Geschichten, von Menschen und V\u00f6geln und Jahreszeiten. Von Regen und Br\u00e4nden, von Zuzug, Pest und Parasiten, von Liebe, Tod und Trauer. Von Kutschen und Autobahnen, von Zweifeln und Glut und so unendlich vielen Ger\u00fcchen. Ich kann dich nicht verstehen, Oldenburg, und doch wei\u00df ich, in dir wohnen so viele Ger\u00e4usche, so viele Ger\u00fcche, ja!, so viele Lebewesen haben einen Platz in dir, haben dich belebt, benutzt, geformt, verbraucht, erbaut, entworfen, gemacht. Wir halten uns f\u00fcr die Tr\u00e4ger der Geschichte, aber das ist nat\u00fcrlich Quatsch. Du bist das, was war und ist und bleibt, wenn wir schon l\u00e4ngst verbuddelt und verweht sind. Oh, Oldenburg, du gn\u00e4diges Ding. Du langm\u00fctiges, gesundes, warmes, kleines Nest. Du ruhiger, ruhiger Ort, du Stadt, du Ort, du Platz, du Mutter. Und ich h\u00f6re dein Wispern in meinem Ohr, sp\u00fcre deine Lippen an meinem Hals, hinter meiner Schl\u00e4fe, es kitzelt und macht mich verlegen und gl\u00fccklich. Und Oldenburg, ich m\u00f6chte mich setzen, zu dir, in dich und ich m\u00f6chte alt sein, weiser und gefestigter als heute und ich m\u00f6chte nicken und einen langen wei\u00dfen Bart haben und krumme Schultern, also: nicken und begreifen, weil ich deinem halburbanen Rauschen und Treiben zuh\u00f6re und verstehe, endlich verstehe, was es bedeutet, Oldenburg zu sein.<\/p>\n<p>Oldenburg. Ich bringe dir meine Schwester! Meine schwangere Schwester. Gib gut Acht auf sie. Sie ist ein Schatz, eine Seele, wie es nur wenige gibt. Sie soll gut aufgehoben sein, bitte. In dir. Ich kann nicht f\u00fcr sie sorgen, nicht jetzt, ich brauche noch ein bisschen Zeit. Das erkl\u00e4re ich dir ein anderes Mal, aber f\u00fcr jetzt reicht es, wenn du wei\u00dft, dass ich nicht kann, dass ich aber kommen werde. Und es geht nur darum, dass meine Schwester einen Ort findet wie diesen, an dem sie frei ist von Sorge und Gefahr und Stress. Deshalb, Oldenburg, du. Sei die wahre Mutter, Oldenburg, eine Mutter, wie man sie sich w\u00fcnscht, so g\u00fctig und zur\u00fcckhaltend, eine Frau aus Nieselregen und schroffem Charme, wei\u00dft du? Oldenburg, eine Mutter, die einen gedeihen l\u00e4sst, ohne einem alles durchgehen zu lassen, die einen st\u00fctzt und w\u00e4rmt und auch ein bisschen fordert, die einem nicht alles hinlegt und ausbreitet und hinterherr\u00e4umt, eine Mutter, die einen jeden Tag aufs Neue gebiert und sich selbst dabei nicht wichtigmacht. Und sich vor allem nicht selbst vergisst. So eine Mutter. Wie du.<br \/>\nUnd ich, ich selbst werde noch zu Ende spielen. Aber dann, ich verspreche es, komme ich zur\u00fcck. Noch bevor es dunkel wird, werde ich zur\u00fcck sein. Dann, wenn alle Kinder nach Hause m\u00fcssen. Ich komme und setze mich an den gedeckten Abendbrottisch und wir werden eine gl\u00fcckliche Familie sein. Eine Oldenburg-Familie, du und Rieke und ich. Das kann ich f\u00fchlen. Es wird gelingen. Hier.<br \/>\nIch habe Tr\u00e4nen in den Augen, Oldenburg. Nieselregentr\u00e4nen. Ach.<\/p>\n<p>Und jetzt, Oldenburg, verrat mir noch, wo ich meinen Onkel finde. <\/p>\n<p>Ich bin ja bereit. Ich werde es sein. Ich werde die Aufgabe annehmen, werde Vater sein, weil es keinen anderen Vater gibt. Ich werde ein guter Vater sein, ich werde ein Mann sein, meiner Schwester ein Mann sein, weil es keinen anderen Mann gibt. Also mache ich es. Und ich mache es gerne. Weil ich Vater sein will und Bruder und Mann. Weil ich das kann, weil es mir gut tun wird, weil ich gut tun werde. Ja, ich w\u00fcnsche es mir. Ich w\u00fcnsche mir, Vater zu werden. Oldenburg! Das ist neu! Nie- niemals h\u00e4tte ich es denken k\u00f6nnen, aber jetzt schl\u00e4gt im Bauch meiner Schwester ein Herz, gro\u00df wie eine Erbse im Mai und ich bin ein anderer. Oldenburg. Ich bin ein anderer. Ich kann mich neu denken, hier denken, in dir denken. Stell dir vor: eine kleine Familie. Vater, Mutter, Kind. Wie oft und wie viel und wie lange haben wir das gespielt, Rieke und ich, eine ganze Kindheit lang. Wie kann es sein, dass wir nie auf die Idee gekommen sind, es einfach zu machen, das Spiel zum Leben zu machen, es waren unsere gl\u00fccklichsten Spiele, die sch\u00f6nsten Stunden, wenn wir alles verga\u00dfen und eine eigene kleine Familie waren und uns ein Haus bauten in einem Baum. Dann brauchten wir nichts, nur ein paar Rosinen oder Beeren oder unreife Birnen. Wir hatten so viel Liebe f\u00fcreinander und sogar f\u00fcr Riekes Puppen. Es ist ein R\u00e4tsel, wie wir das vergessen konnten. Und jetzt. Jetzt kommt es zur\u00fcck. Will mit aller Kraft Wirklichkeit sein.<br \/>\nNur f\u00fcr mich noch ein klitzekleines Bisschen zu fr\u00fch. Nur ein wenig. Ich brauche doch nicht ewig. Ich kann nur jetzt nicht gehen, nicht jetzt, wo ich noch nicht wei\u00df, was geschehen wird. Wo ich noch nicht verstehe, was passiert ist und passieren wird. Wo ich nicht wei\u00df, ob ich ein Gesandter bin oder nur ein Medium. Wenn du verstehst, was ich meine, Oldenburg.<\/p>\n<p> Rieke wartete bis auf weiteres in einem relativ luxuri\u00f6sen Hotel mit Sauna und Schwimmbad, ein kleiner unverd\u00e4chtiger K\u00fcstenort, in dem sie sich wohler f\u00fchlte. Hier sollte sie in Sicherheit sein.<\/p>\n<p>Ich schalte das Handy aus. Keine Ortung. Verlasse die Stadt Richtung Wald. laufe, laufe und laufe. Oldenburg franst aus und ich laufe. Mechanisch, entschieden, selbstverst\u00e4ndlich. Es wird gr\u00fcn und immer gr\u00fcner, die Stra\u00dfen werden Wege und die Wege Pfade und die Pfade verlieren sich schlie\u00dflich in Wiesen und die Wiesen gehen \u00fcber in W\u00e4lder und ich habe vergessen, wo ich eigentlich bin und wo ich hinwollte und es ist mir auch egal, ich bin ein anderer. Pl\u00e4ne, die ich mal hatte, sind Pl\u00e4ne eines anderen, ich laufe nur und leere mich selbst. Mit jedem Schritt gehe ich von mir selbst weg. Ich laufe und keiner kann mich daran hindern. Im Wald streife ich durch Geb\u00fcsch, klettere \u00fcber umgest\u00fcrzte B\u00e4ume, esse Pilze, die hoffentlich ungiftig sind, Borke, Rinden, Halme. Ich lauf und laufe und keiner kann mich daran hindern. Alles geh\u00f6rt in diesem Moment mir, meine Gedanken, mein Leben, meine Zeit, meine Entscheidung.<br \/>\nSo viel unterschiedliches Gr\u00fcn, so viel Braun, so vielf\u00e4ltig, man m\u00fcsste eine eigene Sprache daf\u00fcr erfinden. So ein Wald ist wie eine Familie, wie eine Stadt, die eine Familie ist, wie Oldenburg, vielleicht. Ein funktionierender Kosmos, alles greift ineinander, baut aufeinander auf, keine Fremdk\u00f6rper, keine Baus\u00fcnden, ein gem\u00fctliches, liebevolles Miteinander, sogar G\u00e4ste sind erlaubt, ich bin erlaubt.<br \/>\nUnd mitten im Wald der See. Gro\u00df und still und unber\u00fchrt. Ein paar V\u00f6gel, Wasserl\u00e4ufer, Schilf und auf der Wasseroberfl\u00e4che liegt der Himmel in kleine Wellen aufgef\u00e4chert, ich tauche meinen hei\u00dfen Kopf hinein und dann trinke ich aus meiner Hand und f\u00fchle meinen K\u00f6rper.<br \/>\nIch lege mich flach auf das Ufer, die linke Hand im See, mein Arm eine Nabelschnur, glotze in die Wipfel, f\u00fchle eine Ruhe in meinem Inneren wie ewig nicht. Ich m\u00f6chte f\u00fcr immer hier liegen, flach, Hand im Wasser, Blick ins sanft wackelnde Gr\u00fcn vor dem Himmel. Und als ich wieder aufwache, als Mensch im Wald, da d\u00e4mmert es. Ich h\u00f6re ein Rascheln hinter den B\u00e4umen, V\u00f6gel in den Wipfeln, die sich auf die Nacht vorbereiten. Und ich? Ich geh\u00f6re noch immer mir. Muss ich zur\u00fcck? Muss ich \u00fcberhaupt irgendwas? Ich k\u00f6nnte doch  einfach durch den Wald streifen, nichts und niemandem gehorchen, keine Pflichten, nichts. Alles hinter mir lassen und vergessen, wer ich war. Warum sollte ich so tun, als hinge ich an mir? Warum nicht, mich v\u00f6llig neu denken, neu erfinden? Und zwar hier, in dieser Umgebung. Ich w\u00e4re sicher, die Welt w\u00e4re sicher, meine Tr\u00e4ume w\u00e4ren sicher. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oh, kleine gute Stadt. Oh, gl\u00fccklicher Ort, du heitere Welt, du goldenes Licht, du gr\u00fcnes, gr\u00fcnes Gras, du flaches Land, du \u00dcbersichtlichkeit, du Gartenzaun. Du Hecke, du Stra\u00dfe, du Biosupermarkt. Du Kinderwagen und freundlicher Nachbarschaftsgru\u00df, du joggende Lebendigkeit. 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