{"id":960,"date":"2014-09-29T15:13:47","date_gmt":"2014-09-29T13:13:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=960"},"modified":"2014-09-30T11:53:31","modified_gmt":"2014-09-30T09:53:31","slug":"das-unglaubliche-spiel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=960","title":{"rendered":"Das unglaubliche Spiel [ 47 ]"},"content":{"rendered":"<p>Rieke bleibt, wo sie ist. In Sicherheit. W\u00e4hrend ich den Absprung vorbereite. Ich gleite durch den Garten wie auf Zehenspitzen, schleiche durch das Halbdunkel, schlie\u00dfe ger\u00e4uschlos die T\u00fcr auf und doch: Pl\u00f6tzlich tritt Frauchen aus dem Schatten:<br \/>\n\u201eSie waren in meinem Zimmer.\u201c<br \/>\n\u201eDacht ichs mir.\u201c<br \/>\n\u201eWas?\u201c<br \/>\n\u201eDass sie Kameras haben.\u201c<br \/>\n\u201eIch habe Sie gerochen. Nicht gesehen.\u201c<br \/>\n\u201eDass ich nicht lache.\u201c<br \/>\n\u201eEs ist so.\u201c<br \/>\nFrauchens Augen sind zusammengekniffen, Schlitze zum M\u00fcnzeinwurf. Habe ich sie wirklich knacken k\u00f6nnen? W\u00fctend machen? Habe ich Sand in ihr Getriebe gestreut? Sie aus dem Gleichgewicht gebracht? Dieses kleine Wesen aus Balance und Ruhe und \u00dcberlegenheit. Ich muss l\u00e4cheln.<br \/>\n\u201eWollen Sie sagen, dass ich rieche?\u201c<br \/>\nIch muss grinsen, filmreifer Dialog. Es geht peng-peng, ich denke gar nicht, mein Mund klappt auf und zu, es redet aus mir. <!--more--><br \/>\n\u201eWer riecht nicht?\u201c<br \/>\n\u201eSie.\u201c<br \/>\n\u201eIch?\u201c<br \/>\n\u201eJa.\u201c<br \/>\nIch beuge mich zu ihr und rieche. Und wenn man sich seine Privatsph\u00e4re als Kokon vorstellt, als unsichtbaren Kokon, der einen sch\u00fctzend umgibt, dann stecke ich meinen Kopf in diesem Moment in ihren Kokon hinein, mitten rein und schnuppere an ihrem Hals. Sie weicht nur ein, zwei Zentimeter zur\u00fcck, h\u00e4lt sich dann. L\u00e4sst mich. Ich ziehe den Kopf wieder aus ihr heraus.<br \/>\n\u201eNein\u201c, sage ich, \u201eich habe mich geirrt. Sie riechen doch\u201c.<br \/>\n\u201eAch ja?\u201c<br \/>\n\u201eJa.\u201c<br \/>\n\u201eUnd wie?\u201c<br \/>\n\u201eSehr gut.\u201c<br \/>\n\u201eDas freut mich.\u201c<br \/>\n\u201eMh.\u201c<br \/>\n\u201eIch hab es ja gesagt, niemand riecht nicht. Und Sie habe ich gerochen. In meinen Zimmern.\u201c<br \/>\n\u201eSie haben Kameras.\u201c<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich habe ich Kameras, aber ich habe mir die Aufzeichnungen nicht angesehen. Ich habe mir diese Aufzeichnungen noch nie angesehen, k\u00f6nnen Sie sich etwas Langweiligeres vorstellen? Ich habe Sie gerochen.\u201c<br \/>\n\u201eSehen Sie sie sich an.\u201c<br \/>\n\u201eWarum?\u201c<br \/>\n\u201eVielleicht gef\u00e4llt Ihnen, was Sie sehen.\u201c<br \/>\n\u201eUnd wenn nicht?\u201c<br \/>\nIch zucke die Schultern. Und wenn nicht?<br \/>\n\u201eEntlassen Sie mich!\u201c, ich grinse. Und Frauchen hebt den Arm, aus ihrem langen Wollzuhause schnellt die Schildkr\u00f6tenhand hervor und steht als Stoppschild vor meinem Gesicht. Es prickelt hinter meiner Stirn und dann ist da pl\u00f6tzlich das Bild der Mauerspatzen, mein Schwarm, mein Bild, das sie gemalt, mir genommen (?), mir gegeben (?) hat. Und augenblicklich f\u00fchle ich den pochenden Schmerz, der hei\u00df in den Rippenbogen zieht. Wie eine \u00fcbergro\u00dfe Hand, die sich langsam um meinen Herzmuskel schlie\u00dft und ich wei\u00df, um was es geht. Ein riesengro\u00dfes Gef\u00fchl. Eine einmalige Gelegenheit. Frauchen und ich, meant to be, so etwas f\u00fchlt man, selbst wenn man gef\u00fchlsbehindert ist wie ich. Auserw\u00e4hlt, zusammengesteckt, zwei einzelne Teile, endlich und nur in dieser Kombination zur Bestimmung gebracht. Wie ein St\u00fcck Holz, aus dem man ein Instrument schnitzt, mit dem man schlie\u00dflich eine Arie spielt. Was wusste der Baum schon von Musik? Was w\u00e4re die Arie ohne Instrument? Frauchen und ich. Sie ist die Arie, ich bin das Holz, zusammen sind wir Musik. Und ich will endlich tanzen. Ich will ihr meinen Kopf zeigen, schenken, will Bilder, Tr\u00e4ume, R\u00e4ume, Tiere bauen, will das Ende \u00fcberwinden, will bleiben, will ich bleiben, will werden, wachsen und sehe Mauerspatzen und Frauchen und wei\u00df ich kann, k\u00f6nnte, wenn ich will und werde und \u2026<br \/>\n\u201eIch kann b\u00f6se werden, das wissen Sie noch nicht.\u201c<br \/>\n\u201eOh, ich auch. Wissen Sie, das ist das Spannende an mir. Ich kann alles. Ich meine: Ich bin zu allem f\u00e4hig. Ich bin nicht festgelegt auf eine Art von\u2026 Leben. Anders als meine Schwester zum Beispiel.\u201c Ich grinse. \u201eOder wollten Sie mir drohen?\u201c<br \/>\n\u201eSie k\u00f6nnen sich im ganzen Haus frei bewegen. Aber meine Zimmer betreten Sie nicht.\u201c<br \/>\n\u201eSie haben nichts zu verbergen. Da ist nichts, was ich nicht kenne.\u201c<br \/>\nIch f\u00fchle Farben in mir, so viel Gr\u00fcn, das Tanzen der Wipfel vor dem Himmelblau, ich denke an Erdbeeren und K\u00fche, lebendige K\u00fche. Ich denke an meine Seelenruhe, die Hand im See, das fremde, so bekannte Kleinebruderl\u00e4cheln und dass ich Rieke in Sicherheit bringen muss. Und auch sp\u00fcre ich in mir die Lust, dieses Spiel, dieses merkw\u00fcrdige, spannende, unglaubliche Spiel noch ein bisschen weiter, vielleicht bis zum Ende zu spielen. Was alles in mir tanzt und w\u00e4chst. Nach diesem langen Nichts, nach dieser Leere, diesem Irren. Als h\u00e4tte ich ein Leben lang gespart, auf diesen Moment.<\/p>\n<p>\u201eDass das klar ist\u201c, zischt sie und ihre kleine warme Hand sticht in meinen Kokon und packt, wie eine Schlange ihr Opfer, meine Eier. Ich klappe vorn\u00fcber, will mich wehren, aber ihr Griff wird nur fester. Der Schmerz verschluckt meine Stimme. Kein Schrei, nur Wimmern.<br \/>\n\u201eIch werde meine Kameras nicht benutzen. Nur mein feines N\u00e4schen. Dass das klar ist: Sie werden mir keinen Grund zur Klage liefern.\u201c<br \/>\nIch st\u00f6hne, der Boden wankt, ich sehe einen Riss in ihrer rot gemalten Unterlippe, der Mundwinkel ist entz\u00fcndet, daran halte ich mich, an ihrer kleinen, d\u00fcnn maskierten Wunde. Sie ist nicht unverwundbar, denke ich und stechende Wellen schwappen gegen die Innenseite meines K\u00f6rpers. Ich wage es nicht, mich zu bewegen, denke nur: bitte, bitte, Frauchen, bitte dreh jetzt nicht die Hand. Und da l\u00e4sst sie pl\u00f6tzlich los, l\u00e4chelt ihr freundliches Frauchenyogal\u00e4cheln.<br \/>\nFrauchen macht Kehrt auf ihren hochhackigen Schuhen, sie tr\u00e4gt sie nur f\u00fcr diesen Moment, denke ich, sie tr\u00e4gt sonst nie solche Schuhe. Sie hat sich ein Kost\u00fcm f\u00fcr diesen Auftritt angezogen: Mir bis fast zur Bewusstlosigkeit die Eier zu zerquetschen und dann in einer eleganten, zackigen Bewegung, einer K\u00fcr, die Schuhspitzen zu heben, sie auf den Hacken zur Seite zu drehen, dann geradeaus hinauszustechen aus der Situation, Schritte einer Managerin. Zackbummtacktacktack.<br \/>\nBack in the Game, denke ich und schmunzele. Blut schie\u00dft in die Schwellk\u00f6rper, daran baumelt ein dumpfer, tauber Schmerz, der die Form blauer Kastanien hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rieke bleibt, wo sie ist. In Sicherheit. W\u00e4hrend ich den Absprung vorbereite. Ich gleite durch den Garten wie auf Zehenspitzen, schleiche durch das Halbdunkel, schlie\u00dfe ger\u00e4uschlos die T\u00fcr auf und doch: Pl\u00f6tzlich tritt Frauchen aus dem Schatten: \u201eSie waren in &hellip; <a href=\"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=960\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/960"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=960"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/960\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":963,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/960\/revisions\/963"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=960"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=960"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=960"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}