{"id":968,"date":"2014-09-29T15:12:04","date_gmt":"2014-09-29T13:12:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=968"},"modified":"2014-09-30T11:53:44","modified_gmt":"2014-09-30T09:53:44","slug":"der-wert-der-ebene","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=968","title":{"rendered":"der Wert der Ebene [ 48 ]"},"content":{"rendered":"<p>Der Arzt dr\u00fcckt ein durchsichtiges Gel aus einer Tube auf den geschwollenen Bauch meiner Schwester und verreibt ihn mit einem kleinen Ger\u00e4t, das aussieht wie eine Fernbedienung. Auf dem Monitor ist irgendwas zu sehen, so richtig zu erkennen ist es nicht, auch wenn der Arzt so tut als ob. Er nickt und brummt und seine Hand dr\u00fcckt auf einer kleinen Tastatur herum.<br \/>\n\u201eSie haben da ein sehr vitales kleines Ding\u201c, sagt der Arzt mit seinem komischen, spitzen Mund, \u201edaher scheinen ihre Schmerzen zu kommen. Kein Grund zur Sorge! Auch wenn die Aktivit\u00e4t erstaunlich ist, besonders zu diesem Zeitpunkt. Es sieht aus, als w\u00fcrde ihr Kind, naja\u201c, er lacht so ein Streberlachen, so ein Es-ist-nicht-witzig-aber-ich-zeige-dass-das-ein-Witz-war-Lachen, \u201erecht aufw\u00e4ndige \u2013 wie soll ich sagen? &#8211; Yoga-\u00dcbungen machen &#8230;\u201c <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Rieke und ich sehen uns an. Der Streber grinst und r\u00fcckt seine Streberbrille auf der Nase zurecht. Die wei\u00dfen Birkenstocks tippeln zwischen den Rollen seines Gesundheitsb\u00fcrodrehstuhls. Wir lachen nicht und er muss sein Grinsen einrollen wie alte Abdeckplane. Wahrscheinlich kennt er das, der Streber.<br \/>\n\u201eUnd Sie sind der Vater?\u201c, fragt er mich. Ich nicke, ganz automatisch, stocke, nicke weiter. Auch egal. Kann dem Streber ja egal sein. \u201eMh\u201c, macht er, \u201emeinen Gl\u00fcckwunsch! Selten ein so aktives Kind gesehen nach f\u00fcnfzehn Wochen. Machen Sie sich keine Sorgen, der Kleine verschafft sich nur ein bisschen Platz\u201c, der Streber nickt und l\u00e4chelt unbeholfen.<br \/>\n\u201eEs sieht fast aus\u201c, murmelt er und beugt sich vor, schiebt die kleine Brille auf seinem Nasenr\u00fccken hin und her, sucht mit seinem Kopf den richtigen Abstand zum Monitor, \u201eals h\u00e4tte ihr kleiner gleich zwei Herzen, haha.\u201c Sein Lachen f\u00e4llt zu Boden wie Kleingeld.<br \/>\nVatersein. Es gibt wenige Dinge, von denen ich weniger Ahnung habe als vom Vatersein. Und trotzdem bin ich pl\u00f6tzlich einer. So gut wie. FF, falscher Vater. Wir hauen ab hier. Und nehmen noch mal neu Anlauf, Rieke, ihr Kind und ich. Sobald wir hier fertig sind, bringe ich sie in ihre Wohnung und sie packt ihre Sachen. Ich fahre in mein Atelier und werde mich verabschieden, werde nicht zu Ende spielen. Wir haben entschieden und der schnelle Schlag dieses kleinen Herzens im Bauch meiner Schwester hat es festgenagelt: Wir werden gehen. Ich habe Rieke von Onkel, K\u00fchen und Erdbeeren erz\u00e4hlt. Wir werden im Wald wohnen, Onkel wird uns zeigen, wie das geht, er wird irgendwo eine H\u00f6hle f\u00fcr uns haben und f\u00fcr die ersten Wochen wird das alles sein, was wir brauchen. Ich werde einen Unterschlupf f\u00fcr uns finden, eine kleine Wohnung, eine H\u00fctte, ein H\u00e4uschen in der N\u00e4he des Waldes. Wir werden nichts brauchen, fast nichts, und das Wenige k\u00f6nnen wir bezahlen von dem, was ich habe. Blo\u00df schnell weg hier, Rieke hat Recht.<br \/>\nEs klopft an der T\u00fcr und ohne zu warten betritt eine Krankenschwester den Raum, sie stellt einen kleinen Korb mit irgendwelchen Utensilien ab, l\u00e4chelt mich an und wartet.<br \/>\n\u201eWir wollen jetzt noch ein paar Untersuchungen vornehmen, wenn Sie meiner Assistentin folgen w\u00fcrden.\u201c Streber sieht mich an. Ich soll folgen? Meinetwegen. Ich dr\u00fccke Riekes Hand und wie ein besorgter Familienvateridiot gebe ich ihr einen etwas ungelenken Kuss auf die Stirn, als w\u00e4ren wir tats\u00e4chlich ein Paar. Rieke l\u00e4chelt verschw\u00f6rerisch und nickt. Dann gehen wir.<\/p>\n<p>Als die Schwester mir die Nadel in die Vene sticht, frage ich: \u201eWarum werde ich untersucht?\u201c<br \/>\n\u201eRoutine\u201c, nuschelt die Schwester und rei\u00dft mir ganz nebenbei und selbstverst\u00e4ndlich ein Haar vom Hinterkopf. Ich denke an Baumhauskonstruktionen. Ich denke an Lagerfeuer, Rauchgeruch und euterfrische Milch, an selbstgesammelte Beeren, Pilze, Kr\u00e4uter. Ich denke, dass alles gut wird, dass wir endlich eine Richtung haben, dass wir wirklich gl\u00fccklich werden k\u00f6nnten. Dass wir vielleicht doch richtig getr\u00e4umt und gew\u00fcnscht haben, Rieke und ich, mit vereinten Kr\u00e4ften. Dass wir vielleicht einfach alles richtig gemacht haben. Uns bis vor an den Abgrund gewagt haben, um hinab zu sehen, tief in die Schlucht, den Grund nicht mal sehen konnten, aber das reichte vielleicht, um zu ahnen, was dort unten auf uns warten k\u00f6nnte, um zu begreifen, wie wertvoll die Ebene ist, aus der wir kommen. Um zu wissen, was wir wirklich wollen. Wir haben uns verloren, um zu erf\u00fchlen, wie sehr wir uns wollen. Wir haben alles richtig gemacht, alles aufs Spiel gesetzt und richtig abger\u00e4umt. Endlich haben wir ein Leben vor Augen.<br \/>\nBin ich geheilt?<\/p>\n<p>\u201eDanke\u201c, sagt die Schwester und dr\u00fcckt mir ein kleines wei\u00dfes Tuch auf die Einstichstelle. \u201eWenn Sie drau\u00dfen vor der T\u00fcr Platz nehmen w\u00fcrden, vielen Dank.\u201c<br \/>\nDa sitze ich, warte und dr\u00fccke den Zeigefinger in die Beuge meines Armes. In meinem Kopf: Gymnastik, Vorw\u00e4rtsrolle, Handstand-Abrollen. Gleitende, flie\u00dfende Bewegungen. Mein Leben, Denke, dass es Zeit ist zu gehen. Sachen packen, Abschied nehmen, Neuanfang. Tun k\u00f6nnen, hei\u00dft nicht tun m\u00fcssen. So vieles, was ich kann und nicht tue. Spiel mit den M\u00f6glichkeiten, mhhh.<br \/>\nMitte drei\u00dfig ein ganzes Leben neu beginnen, warum nicht? Entr\u00fcmpeln, Renovieren. Neu einziehen. In die alten Erinnerungen, in all die Erfahrung, nur ab jetzt einfach alles besser machen. Neustart. Und die Episode mit Frauchen \u2013 w\u00e4re ein angemessener Schlusspunkt f\u00fcr Leben Nummer eins. Grande Finale, Trommelwirbel. Wald.)<br \/>\nIch will mich in Sicherheit bringen. Neu ausdenken, neu aufstellen. Und wo ginge das besser, als in einem Wald. Mit Rieke und ihrem Kind. Der Rest kann entsorgt werden. Es sind falsche Tr\u00e4ume, die eines anderen. Ich will kein Weltwunder bauen. Ich will mich nicht aufopfern f\u00fcr ein Kunstwerk.<br \/>\nUnter der Haut kann ich die Form meiner Muskeln erkennen, an einigen Stellen sind die Sehnen gut zu erkennen und wie sie am Muskel ansetzen. So sitze ich da: Zeigefinger in der Armbeuge, Nasenspitze auf der Innenseite meines Unterarms, als die T\u00fcr aufgeht und der Streber vor mir steht und debil grinst. Er h\u00e4lt Rieke die T\u00fcr auf und die Hand hin. Ich senke die Arme, hebe den Kopf, stehe auf. Der Streber sch\u00fcttelt auch mir die Hand und nickt, Rieke sagt: \u201eLoris, komm.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Arzt dr\u00fcckt ein durchsichtiges Gel aus einer Tube auf den geschwollenen Bauch meiner Schwester und verreibt ihn mit einem kleinen Ger\u00e4t, das aussieht wie eine Fernbedienung. 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