{"id":975,"date":"2014-09-29T15:10:10","date_gmt":"2014-09-29T13:10:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=975"},"modified":"2014-09-30T11:54:23","modified_gmt":"2014-09-30T09:54:23","slug":"ein-begehbares-evangelium","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=975","title":{"rendered":"Ein begehbares Evangelium [ 50 ]"},"content":{"rendered":"<p>Der Stahlzaun, die Schritte im Kies, das Donnern des Blechs, die Stille meines Ateliers. Dieser gro\u00dfe, stille Raum, wie er da liegt. Ein schlafendes Tier. Mein Tier. Ein Raum wie gemacht f\u00fcr mich. Von mir. Die logische Verl\u00e4ngerung dessen, was ich war. Ich sehe mich um, die Becken, die Truhen, die Tische und Werkzeuge. Regale voller Chemikalien, Abzugshauben und halbfertige Pr\u00e4parate. Wie kann man so lange von etwas tr\u00e4umen und es dann einfach wegwerfen. Ich stehe und atme und ich h\u00f6re nur meinen Atem, sonst nichts. Ich m\u00f6chte alles noch einmal ber\u00fchren, bevor ich gehe. Ich m\u00f6chte mich wirklich verabschieden. Das hier ist zu gro\u00df, um gru\u00dflos zu gehen. Mein Finger f\u00e4hrt \u00fcber die Arbeitsfl\u00e4chen, tippt \u00fcber die Stocher, die Messer, die Klammern und N\u00e4hte. Meine Hand f\u00fchlt die W\u00e4nde, ich \u00f6ffne noch einmal die Schubladen, nicke den Augen, Nasen und Zungen zu. Frauchen hat mir einen riesigen Spielplatz gebaut, ein Labor, ein Haus.Ich \u00f6ffne Lohmanns Minibar. Sch\u00fctte mir ein ganzes Glas in die H\u00e4nde, ein bunter Eintopf. Wie sch\u00f6n. So viele M\u00f6glichkeiten. So viel Macht und Zauber in Tablettenform. Man stelle sich vor, ein Mensch im Mittelalter oder irgendein Urvolk-Schamane w\u00e4re im Besitz dieser vielleicht f\u00fcnfzig Pillen gewesen \u2013 er w\u00e4re der Herrscher der Welt gewesen oder als Teufel denunziert worden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u201eSie wollen schon gehen?\u201c<br \/>\nIch drehe mich ruckartig um, mein Herz springt mir in den Hals. Frauchen? Woher? Egal. Nat\u00fcrlich, sie kann schweben, nat\u00fcrlich, sie kann gleiten. Nat\u00fcrlich, ich h\u00f6re sie nicht kommen. Da steht das kleine, d\u00fcnne M\u00e4dchen, das sie ist, unscheinbar und in lange Wolle geh\u00fcllt. Das gleiche unsichere L\u00e4cheln wie am Anfang. Sie nickt ganz sanft und obwohl sie am anderen Ende des Raumes steht, kann ich deutlich f\u00fchlen, wie sie meinen Hinterkopf h\u00e4lt und ganz leicht streichelt, von innen?<br \/>\n\u201eIch? Nein.\u201c<br \/>\n\u201eKommen Sie.\u201c<br \/>\n\u201eWie&#8230; wie kommen Sie darauf?\u201c<br \/>\nDa muss sie schnauben, ver\u00e4chtlich, und macht zwei Schritte auf mich zu. Sie wei\u00df, dass ich wei\u00df, dass sie wei\u00df. Es ist kein Geheimnis. \u00dcberhaupt, das ist ja das Faszinierende, ich brauche ihr nichts vorzumachen, sie mag Geheimnisse haben, ich habe meine in dem Moment aufgegeben, als ich zum ersten Mal durch ihr Stahltor geschritten bin.<br \/>\n\u201eWas haben Sie da?\u201c<br \/>\nSie nickt in Richtung meiner Hand, die ich reflexhaft hinter meinem R\u00fccken versteckt hatte.<br \/>\n\u201eRaten Sie!\u201c<br \/>\nSie zuckt ihre kleinen Schultern, aber nat\u00fcrlich wei\u00df sie es.<br \/>\n\u201eNa los, raten Sie\u201c, sage ich, ein letzter Anflug von Spiellaune.<br \/>\n\u201eSie haben ein Abschiedsgeschenk f\u00fcr mich?\u201c<br \/>\nUnd ich nicke und sage: \u201eJa.\u201c Warum ich das tue, ist mir schleierhaft. Frauchen kommt auf mich zugelaufen und tritt ein kleinwenig zu nah an mich heran. Ihr Kokon ber\u00fchrt meinen Kokon, massiert ihn geradezu. \u201eDas ist s\u00fc\u00df von Ihnen\u201c, haucht sie und ihre Lippen gleiten wie Yoga im Fr\u00fchmorgen, tanzen sanft \u00fcber ihre blendend wei\u00dfen Z\u00e4hne, ich sehe den schief stehenden Schneidezahn und bevor ich mir etwas w\u00fcnschen kann, sp\u00fcre ich ihre Lippen auf meinen und als ich die Augen wieder \u00f6ffne, habe ich vergessen, ob sie mich gek\u00fcsst hat oder ob ich es mir nur vorgestellt habe, hier ist alles Gedachte so echt und gro\u00df. Ihr verschmitztes L\u00e4cheln und wie dieser eine merkw\u00fcrdige Zahn so keck auf der Unterlippe liegt, verraten nichts, nur dass alles denkbar ist.<br \/>\n\u201eNun zeigen Sie schon!\u201c<br \/>\nIch z\u00f6gere, dann hole ich die Hand mit den Pillen vor dem R\u00fccken hervor und halte sie vor sie hin, zwischen uns.<br \/>\n\u201eUnd das ist?\u201c, fragt sie und schl\u00e4gt die Augen nieder, auf meine Hand, ich f\u00fchle es gl\u00fchen, f\u00fchle es kommen, f\u00fchle, wie ich komme. Hier und jetzt, ohne Vorwarnung und Ber\u00fchrung. Ich zucke, Frauchen l\u00e4chelt, es platzt warm und feucht in meiner K\u00f6rpermitte. Ich stehe und es zittert in mir, Pillen fallen aus meiner Hand, die ich wie ein dummer Diener noch immer ausgestreckt zwischen uns halte.<br \/>\n\u201eNa, na\u201c, macht Frauchen und b\u00fcckt sich nach den drei, vier Pillen. Sie pickt danach mit ihren kleinen H\u00e4ndchen, pickt sie sich ganz selbstverst\u00e4ndlich in den Mund. Nicht das geringste Z\u00f6gern, wie ein kleiner Vogel K\u00f6rner pickt.<br \/>\n\u201eUnd jetzt Sie!\u201c, sagt sie ganz fr\u00f6hlich.<br \/>\n\u201eDas sind Drogen\u201c, sage ich mit der Stimme eines Grundsch\u00fclers.<br \/>\n\u201eAch was?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie werden mir fehlen\u201c, sagt Frauchen.<br \/>\nIch nicke und sage: \u201eSie mir auch.\u201c Und dann pickt ihre Hand mir ein paar bunte Pillen in den halboffenen Mund. Ich schlucke v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich und denke noch: Der Countdown l\u00e4uft. Denke noch: Oh nein. Denke noch: Ich wollte doch &#8230; denke noch. Ach, egal. Denke noch: Warum nicht. Ein Abschied. Trommelwirbel. Geigen. Finale. Dann Wald. Vor dem Wald, vor ewig Wald noch ein Ausflug mit Frauchen. <\/p>\n<p>\u201eWoher\u201c, frage ich Frauchen mit immer hei\u00dfer werdenden Aug\u00e4pfeln, \u201ewissen Sie eigentlich, dass ich &#8230;?\u201c<br \/>\nUnd ihr L\u00e4cheln ist Antwort genug, dennoch h\u00f6re ich sie katzenartig schnurren: \u201eAber Loris, deshalb ist es doch so schade, dass Sie mich verlassen wollen, ich wei\u00df doch, Sie sp\u00fcren das auch, diese \u2013 wie soll ich sagen \u2013 besondere Verbindung unserer Seelen, unserer Tr\u00e4ume und Bilder &#8230; Was meinen Sie? Schenken Sie mir noch diesen Nachmittag, bevor Sie auf immer im Wald verschwinden?\u201c<br \/>\nIch will noch fragen: Wald? Woher wissen Sie? Will noch sagen: Nein, es tut mir Leid, das kann ich leider nicht. Ich w\u00fcrde gern, aber ich kann nicht, ich muss jetzt leider gehen, will noch&#8230; wollte doch. Aber mein K\u00f6rper ist nicht mehr mein K\u00f6rper. Und mein Kopf ist nur ein Glas und Frauchen gie\u00dft gro\u00dfz\u00fcgig ein. Ich nicke und mein Mund sagt: \u201eAber ja!\u201c<br \/>\n\u00dcbergangslos sitzen wir auf einem Motorrad, meine K\u00f6rpergrenze l\u00f6st sich auf. Die Schnittstelle Haut, die Grenze zur Welt, wird weicher, franst aus. Ich h\u00e4nge auf Frauchens R\u00fccken und wir werden eins, ich f\u00fchle ihr Herz in mir schlagen, ihre Gedanken in mir kreisen. Der Fahrtwind k\u00fchlt meine Leber, Farben schwappen durch meine Brust. Wir sind eine Kammer in der Welt, ein vergr\u00f6\u00dfertes Wesen mit zwei kleinen Herzen, verbunden zu einer Einheit, die Gr\u00f6\u00dferes k\u00f6nnte. Ich m\u00f6chte niemals absteigen, niemals diesen Kontakt l\u00f6sen, m\u00f6chte niemals aufh\u00f6ren zu fahren, zu gleiten. Ich schalte die Ohren ab, schlie\u00dfe die Augen, da ist nur noch das Gleiten, ein leichtes Vibrieren und meine Wange auf Frauchens R\u00fccken. Ich f\u00fchle endloses Vertrauen und bin wie Wasser in Wasser, ein Element, ich tropfe in sie hinein, ein Regentropfen, der auf eine meterhohe Welle f\u00e4llt, sich verbindet und mit ihr \u00fcber Land f\u00e4hrt, f\u00e4llt, vernichtend, gro\u00df und endzeitlich. Alles ist wieder da, alles ist wieder weg. Wer ich war und wer ich bin und wer ich sein werde. Da ist nur das Schnurren, nur der R\u00fccken, nur die Aufl\u00f6sung aller Grenzen.<br \/>\nUnd dann stehen wir. Ich wage nicht, die Augen zu \u00f6ffnen, selbst als der wollene R\u00fccken sich von meiner Wange l\u00f6st, wage ich es nicht, die Augen zu \u00f6ffnen, will nicht, dass der Traum verschwindet, will die Farben an der Innenseite meiner Lider nicht verscheuchen, will nie wieder aufwachen, nie wieder Entscheidungen treffen m\u00fcssen, will entschieden werden, ausgeliefert sein, will Werkzeug sein. Schnitz mich, Frauchen, mach Musik mit mir, spiel auf mir. Und da f\u00fchle ich, wie ihre warmen Lippen auf meine fallen, ihre, kleine nasse Zunge \u00fcber meinen unbewegten Mund leckt, wie ein K\u00e4tzchen Milch aus einer fast leeren Schale schleckt.<br \/>\n\u201eLoris\u201c, sagt ihre Stimme, \u201e\u00f6ffnen Sie die Augen, ich will Ihnen etwas zeigen!\u201c Und ich will ihr gehorchen, aber ich habe die Kontrolle \u00fcber meinen K\u00f6rper verloren, ich k\u00f6nnte nicht zur\u00fccklecken, k\u00f6nnte nicht die Augen \u00f6ffnen, k\u00f6nnte nicht aufstehen. Dann f\u00fchle ich ihr hei\u00dfes Wispern in meinem Ohr, es sticht direkt in mein Hirn, es gibt keine Abst\u00e4nde mehr, ob sie wirklich mit mir redet oder direkt in mein Hirn denkt, es ist nicht zu unterscheiden. Wir sind nackt und rollen durch meterhohes Gras, w\u00e4hrend ich ihre Worte h\u00f6re und Lohmann im Himmel \u00fcber mich lacht: \u201eBevor Sie gehen, Loris, will ich Ihnen zeigen, was ich vorhatte. Sie haben ja immer danach gefragt, diese Antwort bin ich Ihnen schuldig &#8230;\u201c Und ihr Mund st\u00fclpt sich \u00fcber meine Nase, saugt und ich f\u00fchle ihre Zunge in meinen Nasenl\u00f6chern, f\u00fchle sie gleiten und suchen, wie ein warmer Wurm, der in mein Kopfinneres vordringt. Dann gleitet sie \u00fcber den Nasenr\u00fccken und leckt mir die Lider auf. Ein Glei\u00dfen f\u00e4llt durch meine unverschlie\u00dfbaren Pupillen, bis tief in meine Knochen, ich bin wei\u00df, nur wei\u00df und vor mir ein Umriss aus Frauchen. Dann pegeln sich die Farben langsam ins Gewohnte zur\u00fcck oder in eine entfernte, schlecht gemacht Kopie davon.<br \/>\nDas M\u00e4dchen ruft: \u201eKommen Sie!\u201c, dreht sich um und rennt davon. M\u00fchsam, unsicher, wankend steige ich von dem Motorrad, stehe, zittere, bin ohne klaren K\u00f6rper in einer Landschaft, die mir irgendwie bekannt vorkommt, aber nur aus Einzelteilen besteht. Ich kann sie nicht zusammensetzen, ich sehe: kniehohes Gras, ein von allen Seiten str\u00f6mendes Blau, sehe Fenster, ein ungebleichtes Knochengrau, sehe ein dunkelrotes Frauchenlachen, warm und kehlig, als Farbe, es donnert und schabt irgendwo in den Nebenh\u00f6hlen. Kommen Sie. Kommen Sie. Kommen Sie, als Regenbogen zwischen Stirn und Hypothalamus. Mein Atem geht, mein Herz steht, mein K\u00f6rper weht. Ich m\u00f6chte mich verkriechen, ich m\u00f6chte das alles zusammensetzen, ich will eins sein, allsein. Und da nimmt mich eine Schildkr\u00f6te an der Hand, zieht mich durch diese Welt aus Einzelteilen, bis ich irgendwann in einem k\u00fchlen, \u00fcberschaubaren Etwas bin. Ich erkenne Frauchens Augen, diese Augen, die mich halten, auch wenn alles darum tanzt, ein Fixpunkt, ein Griff, ein Sicherheitsgurt, das Ende des Schwindels.<br \/>\n\u201eSehen Sie sich um!\u201c, ruft das M\u00e4dchen. \u201eHier h\u00e4tten wir unsere Tr\u00e4ume ausgebaut, folgen Sie mir!\u201c Und das M\u00e4dchen zieht mich hinter sich her, es geht durch Flure \u00fcber Treppen, h\u00f6her und weiter. Sie erz\u00e4hlt: \u201eVor zweitausendzweihundert Jahren hat der erste Chinesische Kaiser Qin Shihuangdis die Terrakotta-Armee bauen lassen, Sie haben sicher davon geh\u00f6rt. Ein monumentales Projekt. Ein Leben in \u00dcbergr\u00f6\u00dfe. Wissen Sie, ich habe in mir drin immer gesp\u00fcrt, dass mir dieses eine wurmartige Leben nicht ausreicht, ich habe immer schon an einem Plan gebastelt, aber es hat gedauert, so lange gedauert, und erst als ich Sie getroffen habe, ist mir klar geworden, wie es aussehen m\u00fcsste. Ich habe vor vier Jahren dieses Geb\u00e4ude gekauft, als Zuhause f\u00fcr die Bilder in meinem Inneren. Hier sollte das entstehen, was ich der Welt zum Geschenk machen wollte.\u201c<br \/>\nIch nehme diese Worte in mich auf.  Ich bin sie. Dann knallt es und ein Schmerz zieht sich vom Wangenknochen bis zum Knie. Es knallt. Und knallt. \u201eH\u00f6ren Sie!\u201c, schreit das M\u00e4dchen und ihre Schildkr\u00f6tenh\u00e4ndchen knallen links und rechts in mein Gesicht. \u201eLoris, wachen Sie auf!\u201c<br \/>\nIch sehe Frauchens Pupillen auf der Horizontlinie entlanggleiten, links-rechts-links, ein Beschw\u00f6rungstanz. Ein rhythmisches Fl\u00fcstern kriecht von ihren d\u00fcnnen, weichen Lippen in meinen Kopf oder singt sie? Ich h\u00f6re sie beten, f\u00fchle, wie ihre Worte meine graue Nervenmasse kneten: \u201eDie Terrakotta-Armee! Das war ein Anfang, eine Vorlage, eine Et\u00fcde. Verstehen Sie, Loris, ein primitiver Glaube hat zu einem Gro\u00dfprojekt gef\u00fchrt, das Jahrtausende \u00fcberdauert hat, was meinen Sie, wozu wir in der Lage w\u00e4ren? Ich wei\u00df doch, was Sie sehen, was Sie planen, zu was Sie in der Lage w\u00e4ren, multiplizieren Sie das mit meinen Bildern, die Ihre sind, die meine sind, addieren Sie die Terrakotta-Armee, potenzieren Sie das alles mit dem erworbenen Wissen all der Jahre, der Aufkl\u00e4rung, Kant und Nietzsche, stellen Sie sich vor: Hier, in diesem Wohnblock bauen wir eine Zeitkapsel, ein Weltwunder. Sehen Sie, ich habe eine Liste!\u201c<br \/>\nSie wischt mit einem Zettel durch die sich sehr langsam bewegende Luft. Ich denke: Ja, hier bin ich? Habe ich sie hierher gebracht? An diesen, meinen Ort, den seit Jahren verlassenen, halbverfallenen Wohnblock, drau\u00dfen vor der Stadt? Hat sie mich hierher gebracht? Habe ich ihr wirklich das geheime Zuhause meiner Tr\u00e4ume gezeigt?<br \/>\n\u201eDas &#8230;\u201c, stammele ich, unsicher, ob ich noch die mir bekannte Sprache spreche, \u201eist&#8230; Ihr&#8230;?\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, antwortet Frauchen mit ihrer ruhigen Yogastimme, \u201eja, ich habe es gekauft, es geh\u00f6rt mir. Uns, wenn Sie wollen. Ich m\u00f6chte es nicht besitzen, nur gestalten, dann verlassen, abtreten. Wie gesagt, ich m\u00f6chte es der Welt zum Geschenk machen. Ich glaube nicht an G\u00f6tter, nicht an Wiedergeburt, ich glaube nur, dass wir Tr\u00e4ger von Kultur sind, wir geben Gedanken, Ideen und Geschichten weiter, Bilder, \u00c4ngste, Konzepte, \u00c4sthetiken. Wir haben eine Verantwortung, einen Auftrag. Menschen wie Sie und ich sind zu Besonderem bef\u00e4higt \u2013 und das bedeutet Verantwortung. Wir k\u00f6nnen nicht einfach&#8230; Sie wissen schon: in den Wald gehen.\u201c<br \/>\n\u201eIhr &#8230; Traum?\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, sagt Frauchen, \u201emein Traum, ein begehbares Evangelium\u201c, und dann gehe ich unter, gehe auf in ihrem L\u00e4cheln, verliere mich in ihrem K\u00f6rper, wir strecken uns aus, auf einem kalten Betongrau, ich f\u00fchle hei\u00dfe Haut, rieche Mund, f\u00fchle Blut, schmecke Schwei\u00df. Ich sehe an eine Decke, die ich kenne, da fl\u00f6gen geh\u00e4utete Eichh\u00f6rnchen, ich sehe Kr\u00e4hen, K\u00fche, und das Frauchen geht auf mir spazieren, genie\u00dft den Ausblick, steht auf mir, steht und sieht in die Ferne, sie l\u00e4chelt und st\u00fclpt sich \u00fcber mich, wir sind eins. Sie haucht und st\u00f6hnt: \u201eArche Noah, nur zu Ende gedacht, plus den Samenspeicher von Spitzbergen, plus Kunst, plus Kreativit\u00e4t, plus Drogen, plus Gehirnw\u00e4sche. Ich will eine Installation, ein Gem\u00e4lde, ich will ein Werk, das keinen unver\u00e4ndert l\u00e4sst, ich will ein Wunder, das den Menschen im Nacken packt und sch\u00fcttelt, dass ihn \u00fcberw\u00e4ltigt und zermalmt, das ihn auseinander nimmt und neu zusammensetzt. Oder kaputt macht, mir egal: Wer dieses Werk nicht \u00fcbersteht, soll abtreten, wei\u00dft du, Loris\u201c, singt das Frauchen in mir. Mein Becken bewegt sich zum Takt ihrer Worte, ein nassnasses Glitschen aus W\u00e4rme und Geilheit, ich sp\u00fcre wieder eine K\u00f6rpergrenze, denke ich, sonst k\u00f6nnte ich die Reibung nicht f\u00fchlen, denke ich, trinke ihren Mund, ihren warmen, nach Frauchen riechenden Speichel. Hat sie mich geduzt, sind wir uns wirklich schon so nah? \u201eKunst sollte ein Sieb sein, gute Kunst, existenzielle Kunst, Kunst, die es ernst meint und etwas bewegen will, darf niemals r\u00fccksichtsvoll und gef\u00e4llig sein, das, exakt, ist das Gegenteil von Kunst, h\u00f6rst du mich?\u201c, das Frauchenmaul bei\u00dft in mein Ohr, kaut mein Ohr, ich f\u00fchle die schnelle, hei\u00dfe Zunge in meinem Geh\u00f6rgang, als suchte sie etwas und meine Zunge sucht irgendwo in ihr. Frauchen st\u00f6hnt und schreit und singt und ihre Gedanken klatschen wie Wellen von innen an meine Stirn: \u201eWir finden die zweihundert besten Menschen der Welt und versammeln sie hier, in diesem Raum, in Ihren Bildern. Sie bauen diese verst\u00f6rende, beeindruckende Welt, Sie malen diese Bilder, die sie mir seit Jahren schicken.\u201c (Ich schicke Bilder?) \u201eUnd oben die galoppierenden K\u00fche, das ist gut, das gef\u00e4llt mir, Loris, das ist ein gro\u00dfartiger Gedanke, nur darf es dort noch l\u00e4ngst nicht zu Ende sein.\u201c Ich werde geritten, schnell und schwerelos tanzt der Frauchenk\u00f6rper auf meinem wie ein Massiv daliegenden Leib, ich bin ein Reck, ein Barren, ein Turnger\u00e4t. Frauchen gleitet und tanzt, ihr K\u00f6rper dreht und schwebt und ist eins mit der Zeit und dem All. Ihr hei\u00dfer, nasser Hintern glitscht \u00fcber meine Brust und auf mein Gesicht, ich tauche hinein, tauche ab. Und h\u00f6re doch ihre Stimme, klar und direkt in mich hinein: \u201eWir m\u00fcssen nicht nur an das Hier und Jetzt denken, wir m\u00fcssen an die denken, die in zwei Jahrtausenden diesen Ort begehen und verstehen wollen, was wir waren. Wir werden die Menschen auf dieser Liste hier her holen und sie ausstellen, Sie verstehen mich, ein Mahnmal f\u00fcr das hier, ein unmissverst\u00e4ndliches Piktogramm f\u00fcr die Nachwelt!\u201c, und dann nimmt Frauchen Anlauf, ich stecke mit dem Gesicht noch in ihrem Schritt und kann so genau f\u00fchlen, wie sie Kraft sammelt, wie sie anspannt zum Absprung. Ich h\u00f6re sie schreien, mich schreien, sie h\u00e4lt sich an meinem Schwanz, ihr Kreischen pfeift in den Ohren, sie kommt wie eine Welle, hei\u00dfes Wasser schie\u00dft mir ins Gesicht, eine sprudelnde Quelle, mir geht die Luft aus und ich schlucke, f\u00fclle meine Lungen mit ihrem Sud, bis ihr Schrei sich kr\u00fcmmt und sie wieder zur Landung ansetzt, michkaut und leckt, knetet und rupft. Sie schmatzt und saugt und ich denke, dass das wirklich gro\u00df ist, gr\u00f6\u00dfer als alles, was ich je gedacht habe. Gr\u00f6\u00dfer, teuflischer, gef\u00e4hrlicher. Es ist ein Todesplan, ist menschenverachtend und genial. Ich bin an eine Psychopathin geraten. Und wenn ich jetzt ejakuliere, bin ich f\u00fcr immer verloren, denke ich und ich wei\u00df nicht warum ich das denke, so wie ich nichts mehr wei\u00df und das Denken nichts mehr ist, was in irgendeiner Weise etwas von mir Steuerbares w\u00e4re. Wie kann es sein, dass jemand meine Bilder kennt, behauptet, ich h\u00e4tte diese Bilder verschickt? Was sagt das \u00fcber diese Welt, dass ein anderer meine Bilder, meine Tr\u00e4ume sehen kann oder dieselben Tr\u00e4ume tr\u00e4umt, ohne dass ich jemals dar\u00fcber auch nur ein einziges Wort verloren h\u00e4tte? Dann w\u00e4re ich doch nur Holz, aus dem man Instrumente, Werkzeuge, Spielzeuge schnitzen k\u00f6nnte, oder?<br \/>\n\u201eKomm schon, Loris, komm! H\u00f6r auf, dich zu sperren, lass dich gehen, lass dich fallen, ich kann dich immer fangen, zusammen sind wir eins. All-eins. Du wirst nie wieder allein sein.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Stahlzaun, die Schritte im Kies, das Donnern des Blechs, die Stille meines Ateliers. Dieser gro\u00dfe, stille Raum, wie er da liegt. Ein schlafendes Tier. Mein Tier. Ein Raum wie gemacht f\u00fcr mich. Von mir. 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