{"id":985,"date":"2014-09-09T10:00:33","date_gmt":"2014-09-09T08:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=985"},"modified":"2014-09-30T20:07:54","modified_gmt":"2014-09-30T18:07:54","slug":"solange-ich-renne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.blogbuch-oldenburg.de\/?p=985","title":{"rendered":"Solange ich renne [ 52 ]"},"content":{"rendered":"<p>Die Nacht f\u00e4llt zwischen den Wipfeln auf uns herab. Umgibt uns lichtlos und fremd. Unter meinen nackten F\u00fc\u00dfen: Waldboden. St\u00f6cke, Nadeln, Dornen bohren sich hinein, so egal. Ich renne. Rieke h\u00e4lt mich fest umklammert, ich habe sie huckepack, ihre Arme schn\u00fcren mir die Kehle ab. Egal. So egal. Ich brauche keine Luft, ich sp\u00fcre keinen Schmerz, ich will nur wegweg. Rei\u00dfaus. Insekten sirren, Grillen zirpen, Fr\u00f6sche, unbekannte V\u00f6gel, aus der Ferne ruft ein Uhu, ich finde meinen Weg im Sprint, trotz Dunkelheit. Ich habe nicht ein Mal dar\u00fcber nachgedacht, wie ich Onkel finden kann. Wo k\u00f6nnte er sein? Wo rennen wir hin? In einen unbekannten Wald hinein, immer tiefer. Ohne Ziel, ohne Plan. Nur weg, weg von allem was passiert ist. Frauchen und das Ende. Ich muss meine Schwester retten, in Sicherheit bringen. Unser Kind. Unser. Kind. Ich muss den See finden, dort wird Onkel uns abholen, denke ich. Komm schon, Loris, komm schon. Jetzt nicht schlapp machen, jetzt nicht verzweifeln, nicht den Kopf verlieren. Es schl\u00e4gt so heftig. Schl\u00e4gt so heftig. Ein Pendel, das immer wieder neu ausholt, eine Abrissglocke. Ich habe Angst, eine alleszerfressende, riesengro\u00dfe Angst, aber so lange ich laufe, holt sie mich nicht ein, ich habe einen winzigen Vorsprung, renn, Loris, renn. Der See. Und die Hand ins Wasser. Der Arm eine Nabelschnur. So lange ich renne, kann uns nichts passieren.<br \/>\nSo lange ich in Bewegung bin, sind wir in Sicherheit.<br \/>\nWo ist die Ruhe? Wo ist das Gl\u00fcck, ich habe es doch l\u00e4ngst erlebt. Und ich schlie\u00dfe die Augen, renne weiter, etwas muss uns retten. Wer sind wir jetzt?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Onkel, denke ich und halte mich daran. Onkel, du, gro\u00dfer, alter Mann. Schwer bist du, deine braune Haut und die blauen Augen, redest kaum, bist stark wie zwei B\u00e4ren, sanft wie ein Haustier, bist so anders, so sicher, so weise. Du bist die Ruhe und Gelassenheit. Du bist der Frieden und die Autarkie. Du bist weg von allem und viel mehr hier. Komm schon, Onkel, zeig dich, komm zu mir, rette uns. Zeig uns, wie man im Wald lebt, wie man einen Unterschlupf findet. Bitte, koch uns einen Tee, sag uns, welche Wurzeln essbar sind. Ohne dich geht es nicht. Ich renne und renne. Ohne dich ist das hier nur ein Ort voller B\u00e4ume. Ohne dich sind wir nur zwei Wichte in einem fremden, gro\u00dfen Land. Tr\u00f6ste mich, Onkel, nimm mich in deine starken Arme und sag mir, dass es nicht meine Schuld ist. Sag mir, dass es richtig war. Sag mir, dass Schuld gar keine zul\u00e4ssige Kategorie ist, dass es um ganz anderes ging, um Rettung. Nicht nur unsere. Sag mir, dass es richtig war.<br \/>\nMeine Lunge brennt, brennt so hart. Als h\u00e4tte ich siedendes \u00d6l getrunken. Die Oberschenkel prickeln w\u00fctend, Rieke schluchzt leise in mein Ohr, mein Hals ist nass von ihrem Rotz, ich bin immer f\u00fcr dich da, fl\u00fcstere ich vor mich hin, wie ein Mantra, immer wieder: Bin f\u00fcr dich da. Immer f\u00fcr dich da, immer f\u00fcr dich da, f\u00fcr dich da. Ich bau dir eine H\u00f6hle, ich sammele dir Beeren, wir haben einen Onkel, einen merkw\u00fcrdigen Schrat, einen Kauz, einen Mann, einen Waldmenschen, einen Aussteiger, der es vorgemacht hat. Wir brauchen nichts, wir haben uns, so sehr uns. Keiner wird uns st\u00f6ren, keiner finden, keiner wird uns vom Gegenteil \u00fcberzeugen. Was wir tun, ist das einzig richtige.<br \/>\nUnd dann kann ich nicht mehr, kann Rieke nicht mehr halten, keinen Schritt mehr gehen, kann das Brennen nicht mehr ertragen und ich bleibe stehen, lasse Rieke ab, falle auf die Knie. Kriege kaum mehr Luft in die hei\u00dfen, blutenden Lungen, ich falle vorn\u00fcber, kotze, w\u00fcrge, speie. Rieke legt ihren Kopf auf meinen R\u00fccken, ich h\u00f6re sie leise weinen, sie streichelt meine Seite. \u201eLoris\u201c, fl\u00fcstert sie, \u201eLoris\u201c. Mit letzter Kraft verscharre ich mein Erbrochenes und sehe meinen H\u00e4nden zu, meinen gut funktionierenden H\u00e4nden, rostbraun im Dunkel der Waldnacht. Mit der feuchten Erde versuche ich, das getrocknete Blut von meinen H\u00e4nden zu reiben, von meinen Unterarmen. Wie Frauchen r\u00f6chelte. Wie dunkel das Blut. Wie sie trotz allem l\u00e4chelte. Irgendwie erl\u00f6st.<br \/>\nWird man uns finden?<br \/>\nUnd in diesem Moment, da ich es denke, h\u00f6re ich ein leises Knacken irgendwo im Dunkel. Ist das Onkel? Ist das die Polizei oder Frauchens letzte Rache? Gruber?<br \/>\nMein Herz schl\u00e4gt auf mich ein, Rieke und ich, wir halten den Atem an. Unsere H\u00e4nde sind ineinander verkrampft. So viel Sorge, denke ich, es wird Zeit, endlich mit dem guten Leben zu beginnen, auch f\u00fcr den kleinen Menschen. Es wird Zeit und da sch\u00e4lt sich aus dem Dunkel ein Schatten und ich erkenne: eine Kuh. Dampfender Atem. So h\u00f6rt es auf. So f\u00e4ngt es an.<br \/>\nDas ist also das Ende, denke ich.<br \/>\nUnd irgendwie wird es jetzt weitergehen.<\/p>\n<p>***Ende***<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nacht f\u00e4llt zwischen den Wipfeln auf uns herab. Umgibt uns lichtlos und fremd. Unter meinen nackten F\u00fc\u00dfen: Waldboden. St\u00f6cke, Nadeln, Dornen bohren sich hinein, so egal. Ich renne. 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