Auftauen [ 6 ]

Tage stummer Arbeit. Geschmeidig bleiben. Nicht abdrehen. Alles ein bisschen viel im Moment. Was mir schon immer geholfen hat: Arbeiten. Dinge tun. Business as usual. Wenn es unruhig wird im Innern, einfach wegschaffen, was eh getan werden muss. Hebe nach und nach gefrorene Tiere aus der Kühltruhe und gehe meinem Handwerk nach.
Sitze in meiner Werkstatt, draußen das Rauschen der Straße, klappernde Schritte. Leere Müdigkeit zwischen den Ohren. Heute vor allem Basisarbeit: Abziehen und Entfleischen, Waschen und Entfetten. Nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung, aber gesunde Routine.

Tauwetter.
In meiner Pause ein wundersames Schauspiel. Sehe zwei Krähen rodeln. Als wollten sie den Winter verabschieden. Den Frühling begrüßen. Eigentlich zu früh, aber da es taut und die Luft mild und würzig riecht und sich die Leute mit offenen Jacken auf den Tischen und Stühlen vor den Cafés in der Sonne aalen, werden vielleicht auch die Vögel übermütig. Auf dem Rücken rollen und rutschen meine Krähenfreunde einen kleinen Schneeberg hinab. Immer und immer wieder das gleiche Spiel: kullern hinab und klettern auf den Füßen schnellstmöglich wieder hinauf, nur um sich erneut hinab zu rollen. Einfach aus Freude. Völlig unsinnig. Spielende Vögel. Euch werd ich helfen.
Ich muss lächeln. Fast hüpft mir mein Herz in der Brust. Das habe ich lange nicht gehabt. Bin gut gelaunt, als hätte ich darauf gespart.

Mittagstisch beim Italo-Asiaten um die Ecke. Solide und kurios: Spaghetti mit Walnuss und Datteln. Chili, Ingwer, Kreuzkümmel. Überraschend gut. Als ich in meine Straße einbiege, klebt eine Frau mit ihrem Gesicht an der Scheibe meiner Werkstatt, Gesicht nicht zu erkennen, da sie die Hände zu beiden Seiten an das Sichtfeld gelegt hat, um hinein zu sehen. Rote Lackschuhe, Strumpfhose, braunes Haar. Rieke?
Als ich nur noch hundert Meter entfernt bin, nimmt sie plötzlich Reißaus, dreht sich weg, ohne dass ihr Gesicht auch nur zu erahnen gewesen wäre und fetzt die Straße hinab.

Fett kann nicht konserviert werden. Schlampige Präparationen riechen nach kurzer Zeit ranzig, dann faulig. Entfettung ist eine Kunst, ein eigenes Handwerk. Wer es nicht beherrscht, sollte Postbote werden.
SMS: „Ich habe dich im Blick. Schöne Schuhe. Hast du abgenommen?“
Die Drohung ist immer stärker als die Ausführung.

Anruf von der Frau mit dem Rottweiler. Blasse Stimme, noch immer mitgenommen offenbar.
Sie habe sich entschieden. Ob ich noch einmal kommen könne. Aber sicher. Heute noch? Ich zögere. Es solle nicht zu meinem Nachteil sein. Ich gucke auf das Thermometer. Sechs Grad plus in der Sonne, das macht den hartgefrorensten Köter weich. Könne spät werden, sage ich. Kein Problem.

Briefkasten leer. Bin seltsam enttäuscht. Was ist mit der Geschichte, die er erzählen wollte?

Setze mich vor den Koffer. Schließe die Augen. Stelle ihn mir vor. Sehe einen Behinderten.
Behindert? Sagen wir: beschränkt, einfältig, minderbemittelt. Scheiß drauf, sagen wir: behindert. Allein diese Handschrift… und was für Müll er schickt!
Ich sehe ihn vor mir, diese winzige runde Brille auf der dicken, rotgeäderten Nase. Das Drehdings in der Hosentasche. Er steht sozusagen vor mir. Ein fetter, verwarzter Typ, ich kann ihn riechen in meiner Vorstellung. Talg und Nackenschweiß, die ungewaschenen Haare, lang und splissig. Große, glubschige Poren, zu lange Fingernägel, dunkle Ränder, spröde Lippen. Insgesamt ranzig und feist. Sehe ihn vor mir in Pose: Einen Fuß auf dem Koffer, wie ein Eroberer auf Neuland. Dümmlich in die Gegend grinsend. Weiß nicht genau warum, aber ich stelle mir diesen Typen als fröhlichen Menschen vor. Vielleicht nicht eben glücklich, aber fröhlich. Dümmlich lächelnd eben. Möchte so etwas einmal konservieren. Man müsste so eine Homunkulus-Wucherung für nachkommende Generationen festhalten.

Nassrasur. Dusche. Elbvororte-Verkleidung. Autofahrt.
Einfahrt. Summen. Dann öffnet die Frau. Heute deutlich schneller. Lächeln im Gesicht. Ein Pferde-Mädchen, denke ich. Sie war mal ein kleines Mädchen, das gern Pferde striegelte, Ställe ausmistete und voltigierte. Träumte von Natur und einsamen Wäldern. Ein Leben mit zwei Gäulen, Jahreszeiten und dampfendem Tee. Dann kam ihr ein Leben dazwischen. Heute endlos reich und traurig.
Auf der Terrasse notiere ich mir ihre exakten Wünsche. Sechs Einzelarbeiten. Wird nicht ganz billig, sage ich. Könne etwas dauern, die Auftragslage sei derzeit enorm. Sie gickst, versteckt ihr halbes Gesicht hinter dem viel zu langen, viel zu großen Ärmeln ihres Wollpullovers. „Vergessen Sie die anderen Aufträge“, flüstert sie in ihre Hand. Das gehe leider nicht, sage ich, obwohl es natürlich geht. Reize nur. Mal sehen, was kommt. „Ich möchte Sie anstellen für, sagen wir, drei Monate. Ich bin ein guter Arbeitgeber, glauben Sie mir!“
Mir fehlen die passenden Worte. Ein Blitzen in ihrem Blick. Das war es, was sie wollte, denke ich noch, dann schnellt ihre Hand hervor, ich nehme sie.
„Also“, sagt sie, „ich sehe, wir sind uns einig?“
Ich nicke. Nicke ich wirklich?
„Nehmen Sie Aufsichtsrat heute mit, kümmern Sie sich gut um ihn. Und dann kommen Sie in den nächsten Tagen und wir regeln das Geschäftliche.“