Finn-Ole Heinrich

Stipendiat Januar bis Juli 2014

finn_ole_heinrich_500pxFinn-Ole Heinrich, geboren 1982, wuchs in Cuxhaven auf. Bevor er in Hannover Filmregie studierte, absolvierte er seinen Zivildienst in Hamburg. Als Autor debütierte Heinrich im Alter von 23 Jahren mit dem Erzählband „die taschen voll wasser“. 2007 folgte sein erster Roman „Räuberhände“, der 2013/2014 Abiturprüfungsthema an allen Hamburger Gymnasien ist und vom Thalia Theater auf die Bühne gebracht wird. Der zweite Erzählband „Gestern war auch schon ein Tag“ erschien 2009. Unter dem Titel „Frerk, du Zwerg!“ veröffentlichte Finn-Ole Heinrich 2011 sein erstes Kinderbuch, für das er 2012 den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Kinderbuch erhielt. 2013 erschien im Hanser Verlag Teil 1 seines neuen Kinderbuchprojekts „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt“, das auf drei Bände angelegt ist.

In den letzten Jahren hat Finn-Ole Heinrich über 500 Lesungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Polen, Armenien, Tschechien, Island, Spanien und den Niederlanden gehalten. Er dreht Kurzfilme, Musikvideos, Dokumentationen und schreibt aktuell seinen ersten Kinofilm. Als Autor erhielt er zahlreiche Arbeitsstipendien (u.a. Erfurter Stadtschreiber, Heinrich-Heine-Stipendium) und verschiedene Literaturpreise (u.a. Kranichsteiner Literatur-Förderpreis, Hamburger Förderpreis für Literatur). Finn-Ole Heinrich lebt als freier Autor in Hamburg.

http://www.finnoleheinrich.de/ | https://www.facebook.com/pages/Finn-Ole-Heinrich

Photo: Denise Henning – henning.denise@gmx.de

Dienstag [ 1 ]

In der Mittagspause zur Post. Schlange bis raus auf die Straße. Bestimmt vierzig Leute vor mir, zwei Schalter. Jemand will ein Konto eröffnen. Fick dich, Kontoeröffnen um diese Uhrzeit. Ich will das scheiß Paket abholen und noch was essen.

Wer schickt mir überhaupt was? Hab nichts bestellt. Sechsundzwanzig Minuten anstehen. Arschladen Post.

Riesenpaket, federleicht. Kein Absender. Was soll der Scheiß?

2014_01_21Das Paket ist ein leerer Koffer. Ein beschissener alter Koffer mit nichts drin! Keine Ahnung, was das soll. Was soll das? Wer schickt mir nen leeren Koffer, was soll das bedeuten? Muss ein Fehler sein. Aber wie? Irgendeine Verwechslung in nem Ebay-Konto oder so? Keine Ahnung.

Für nen leeren Koffer zwanzig Minuten durch den Nieselregen gelatscht und ne halbe Stunde angestanden? Made my day.

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Mopskrankheit [ 2 ]

Wirre Träume. Kalte Wohnung. Leerer Kühlschrank. Blauer Morgen. Die Milch flockt im Kaffee.
Croissant auf dem Spaziergang zur Werkstatt.

Ich bestelle Augen. Wälze Kataloge. Vergleiche Bilder. Wirklich gute Augen sind zwar teuer, aber am Auge darf man nicht sparen. Wenn das Auge nicht zum Ausdruck passt, dann ist das ganze Tier verpfuscht. Die Form muss stimmen, die Größe, auch die Größe der Pupille. Das sieht der Laie nicht, aber er spürt es. Die Leute sollen vor meinen Tieren stehen und denken: Ja. Das verstehe ich. So ist es gewesen. Das ist die Kunst. Darum kommen die Leute zu mir.

In der Mittagspause sitze ich mit Pizza (einfach, aber geil: Birne-Gorgonzola) im Park unter dem Krähenbaum. Morgen soll es richtig kalt werden. Die Vögel pöbeln in den Wipfeln. Zwischen Pizza und Zigaretten tippe ich mit kalten Fingern: „Leck mich. Ich helf dir nicht. Dein Problem.“

Weil ich Psychologe bin. Deshalb kommen die Leute zu mir. Weil ich nicht einfach nur Tiere ausstopfe. Weil ich mir die Menschen angucke, mit ihnen rede, weil ich dann weiß, wie sie sich an ihre Tiere erinnern wollen. Verspielt oder treu, devot, aggressiv oder kulleräugig. Als Beschützer, Begleiter, Soldat oder Baby. Danach modelliere ich die Pose, dann der richtige Ausdruck in den Augen und der Preis spielt keine Rolle. Für die meisten. Jäger sind knauserige Trophäensammler, aber reiche Menschen bezahlen gern für Kunst und sie bezahlen gern für ihr geliebtes Tier. Sie sind fast dankbar, wenn man ihnen mit einem saftigen Preis die Möglichkeit gibt, ihre Liebe und Großzügigkeit noch einmal zeigen zu dürfen.

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Aufsichtsrats Reich [ 3 ]

Montagmorgen, Wecker um sieben, tiefschwarzer, verhangener Morgen, Erektion bis in die Küche. Warte in Unterhose auf den Kaffee, wärme mir die Eier auf der Heizung, tippe eine SMS, gleich voller Liebe in die Woche starten, mir gutes Karma raufschaffen: „All die Jahre, all die Versprechen, all meine Kraft. Und du? Nur Lügen und Scheiße. Hast es immer gewusst, richtig? Du bist die Lüge. Unbegreiflich.“
Sack warm, Kaffee heiß, Füße kalt.

Heute: Hausbesuch. Mein besonderer Service für die besonderen Kunden, die besonders zahlungskräftigen, die mit den Sonderwünschen. Oft rufen diese Menschen mitten in der Nacht an, rotzverheulte Stimme, völlig aufgelöst, ob ich kommen könne (dabei, mal im Ernst, gibt’s ja genau dann nun wirklich keine Eile mehr), was jetzt zu tun sei. Kühl lagern, sage ich dann mit tiefer ruhiger Stimme, lege zwischen jedes Wort eine angemessene Pause und: Beruhigen Sie sich, ich werde alle Termine für morgen absagen und bei Ihnen vorbeikommen. Trinken Sie jetzt auf Ihren Liebling und versuchen Sie zu schlafen. Ich kann das, auch am Telefon.
Heute also: dunkler Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte. Empathy sells. Nassrasur, Gel und ab in die Elbvororte. Dort wartet ein Rottweiler auf mich. Tiefgekühlt.

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Eine Million Stunden [ 4 ]

Kopfschmerz. Kopfschmerz. Kopfschmerz.

SMS bekommen: „Welcher Koffer?“
Wenn der Koffer tatsächlich nicht von ihr ist, von wem dann?
Schreibe: „Die Schlüssel haben gepasst. Nett von dir. Konnte das Geld gut gebrauchen.“
Nur um zu sehen, ob sie darauf anspringt.

Eine Totgeburt von Tag. Bewege mich außer zum Klo keinen Zentimeter. Wünschte, ich könnte das ganze leere Wochenende einfach wegschlafen. Träume von meiner Ausstellung. Lebenswerk. Kraftquelle. Gemälde aus Tierkörpern.

Drehe mich von einer Seite auf die andere. Überlege, dass ich mehr als hundertvierzehn Jahre aushalten müsste, wenn ich dem Universum eine Million Stunden Lebenszeit abtrotzen wollte: vierundzwanzig mal dreihundertfünfundsechzig mal hundertvierzehn sind gerade mal knapp eine Million. Wenn ich nicht abartiges Glück habe, hab ich nicht mal eine Million Stunden. Wirklich, keine Zeit zu verschwenden. Ein Wochenende wegschlafen? Fuck.
Genau genommen bin ich Fleischmüll und mehr nicht. Alles, was ich jemals denke und fühle, mache und tue ist endlos irrelevant in der Unendlichkeit. Um das zu verstehen, muss man sich nur vorstellen, ohne Gedächtnis zu sein. Oder in ein Demenzheim gehen.

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